Infos

Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Christine.

Calendar
Februar 2012
M D M D F S S
« Jan    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
272829  
Kategorien

Archiv der Kategorie Christine

“Unterwegs im Namen des Herrn” von Thomas Glavinic

Mit seinem Freund Ingo meldet sich der Ich-Erzähler und Atheist, der überraschenderweise Thomas Glavinic heißt, zu einer Busreise nach Medjugorje an. Weil er sehen möchte, „welche Menschen Pilgerreisen unternehmen“, und er erfahren will, „ wie es auf einer solchen Reise zugeht“. Er will „Menschen in ihrem Glauben erleben“, vielleicht auch, weil er sie „irgendwo tief in sich drin darum beneidet“. Soviel zu seinem frommen Wunsch. Eigentlich hätte es Lourdes werden sollen, doch die lange Anreise schreckt ihn ab, so wird Medjugorje als Ziel gewählt, und wie sich herausstellt, ist die Reise lange genug. Vor allem für den Leser. Denn der ungläubige Thomas, wie er sich gerne selber bezeichnet, wird nicht müde, Belanglosigkeiten und oberflächliche Beschreibungen der Mitreisenden zum Besten zu geben und nebenbei immer wieder zu betonen, wie trinkfest er nicht ist. Zudem sieht er sich als Nabel des Universums, sieht ständig die Blicke des Reiseleiters auf sich gerichtet, fühlt sich ständig persönlich angesprochen, was weniger auf sein gewinnendes Wesen als vielmehr auf seine ausgeprägte, ich würde sagen fast krankhafte, Egomanie zurückzuführen ist.
Und so begleitet der ungläubige Thomas diese – vor Klischees nur so strotzende – Pilgergruppe, die hauptsächlich aus alten frommen Bäuerinnen zu bestehen scheint, die rosenkranzbetend die Fahrt verbringt. Endlich am Ziel angekommen wird er von einer Angina dazu gezwungen, neben Alkohol auch noch Unmengen an Schmerztabletten zu konsumieren, sodass der Wallfahrt ein jähes Ende beschieden ist und er auf Freunde seines Vater zurückgreifen muss, die ihn über Mafia-Umwege nach Wien zurückbringen.

Aus der Thematik dieses Buches kann ein talentierter Schriftsteller viel herausholen. Wallfahrten und Pilgertum geben genug Stoff für eine gleichsam ironische wie auch ernsthafte Betrachtungsweise, doch was Glavinic hier vorlegt, hat mich eher fassungslos zurückgelassen. Das Buch ist lieblos, oberflächlich und belanglos, seine halbherzigen Versuche, die Angelegenheit mit Humor zu betrachten, scheitern kläglich. Er beleuchtet weder die Menschen, die Pilgerreisen unternehmen, er möchte eigentlich auch gar nicht wissen, wie es auf so einer Reise zugeht, noch weniger will er Menschen in ihrem Glauben erleben. Es dreht sich einzig und allein alles um einen Herrn Thomas Glavinic, der hauptsächlich mit seinem Handy befasst ist, sms-schreibend oder auf Netzsuche, und dessen Augenmerk in erster Linie darin liegt, den Alkoholfluss nicht versiegen zu lassen.

Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass Herr Glavinic noch schnell ein Buch veröffentlicht hat, um vielleicht als Trittbrettfahrer ein wenig auf dem einträglichen (aber sinkenden) Markt der Pilgerberichte mitzufahren. Für mich ist das Buch eine Enttäuschung, ich kann den Hype rund um den Autor nicht nachvollziehen, und ich lasse nun endgültig die Finger von ihm.

Christine

Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 17,90 €, 208 Seiten, ISBN: 3446237399

“Karte und Gebiet” von Michel Houellebecq

Jed Martin ist Sohn eines Architekten und einer Selbstmörderin, in guten Verhältnissen aufgewachsen, Absolvent der Ecoles des Beaux-Arts in Paris, und bereits als junger Künstler mit den Fotografien von Michelin-Straßenkarten, die er Satellitenbildern gegenüberstellt, sehr erfolgreich. Den großen Durchbruch feierte er allerdings mit seinen Gemälden, die Porträts von Menschen in ihrer Arbeitswelt zeigen. Bilder vom einfachen Handwerker oder Kellner bis zu Werken mit ebenso klingenden wie sperrigen Namen wie „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik” ,”Die Beate Uhse AG geht an die Börse” oder “Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf” gelangen zu Weltruhm und erreichen exorbitante Preise am Kunstmarkt.
Es gelingt ihm, den sehr kontrovers diskutierten und sehr bekannten, aber völlig zurückgezogen lebenden Schriftsteller Michel Houellebecq für die Verfassung eines Vorwortes für den Ausstellungskatalog zu gewinnen. Im Gegenzug soll der Schriftsteller, neben einer Gage von mehreren Hunderttausend Euro, ein Porträt – „Michel Houellebecq, Schriftsteller“ erhalten. Im Zuge der Zusammenarbeit entwickelt sich eine distanzierte Freundschaft zwischen den beiden, die durch einen bestialischen Zwischenfall ein jähes Ende findet.

Ich möchte vorausschicken, dass es mein erstes Buch von Michel Houellebecq war. Er ist mir natürlich bekannt als „enfant terrible“, als extravaganter, provozierender und in der Tat sehr kontrovers diskutierter Schriftsteller. „Karte und Gebiet“ ist ein sehr gesellschaftskritisches Buch, doch ich fand es weder provokant, noch sexbesessen oder aggressiv. In manchen Buchbesprechungen wurde dieses Buch als „gemäßigt“ oder sogar „weichgespült“ bezeichnet, wie gesagt fehlt mir der Vergleich. Als Einstieg in Houellebecqs Werk halt ich es für nicht sehr geeignet. Zu sehr wird auf die Person des Michel Houellebecq Bezug genommen, der ja in diesem Buch eine tragende Figur spielt und ich kann nicht abschätzen, wie sehr diese Darstellungsweise ironisch, selbstkritisch oder gar arrogant gemeint ist. Ich habe aber schwer das Gefühl, dass Houellebecq seinen Kritikern mit diesem Buch eins auswischen will, hier auf seine eigene Art und Weise Stellung nimmt zu Unterstellungen und Gerüchten rund um seine Person.

Houellebecq zeichnet eine Vision der nahen Zukunft – wir sehen uns etwa im Jahr 2030. Das Künstlermilieu ist Hauptschauplatz, die Vereinnahmung und Vermarktung der Künstler durch die Medien und durch Agenturen im Blickpunkt. Es fallen viele Namen französischer Künstler, Medienstars und Institutionen mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Insider können mit diesen Informationen wohl mehr anfangen. Mit teils wehmütigem, aber immer sehr kritischem Blick wird die Gesellschaft analysiert, der Verlust der Kultur aufgezeigt, der sich nicht nur im Sterben der Kaffeehäuser oder im Überhandnehmen von asiatischen oder russischen Restaurantketten manifestiert. Kinder werden durch Hunde ersetzt, Familienleben, zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften fallen der Schnelllebigkeit zum Opfer.

Houellebecqs glasklare Formulierkunst und prägnanter Stil konnten mich überzeugen, und ich möchte auf jeden Fall mehr von ihm lesen.

Christine

Dumont Buchverlag 2011, Übersetzung: Uli Wittmann, Hardcover 22,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3832196394

“Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ” von Jonas Jonasson

„Es ist wie es ist, und es kommt wie es kommt“ – dieser Leitspruch begleitet den mittlerweile 100-jährige Allan Emanuel Karlsson sein Leben lang, ein Leben das turbulenter nicht sein kann.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist Allan körperlich und geistig überaus agil, und um den angekündigten Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag, zu denen sich sogar der Bürgermeister angekündigt hatte, zu entkommen, springt er kurzerhand aus dem Fenster des Seniorenheimes und verschwindet Richtung Bahnhof. Dort wird ihm von einem etwas zwielichtigen Kerl dessen Koffer zum Aufpassen während des WC-Besuches überlassen, da aber Allans Bus ging und er denn Koffer nicht unbeaufsichtigt lassen konnte und auch ein bisschen deshalb, weil er sich im Koffer nützliche Utensilien wie Kleidung oder Schuhe erhoffte, nimmt er den Koffer mit, ohne zu ahnen, dass sich darin jede Menge Geld aus einem illegalen Drogendeal befindet. Sein Reiseziel wählte er willkürlich, dort trifft er zufällig auf Julius, einen liebenswerten Kleinkriminellen, der sich mit Gaunereien, Diebstählen und Betrügereien aller Art über Wasser hält. Für beide beginnt eine turbulente Flucht, die seinesgleichen sucht, einerseits vor der Drogendealer-Bande, die den Koffer zurückhaben will, andererseits vor der örtlichen Polizei und den Medien, da das Verschwinden des Hundertjährigen natürlich nicht unentdeckt blieb und großes Echo auslöste. Abwechselnd mit der Schilderung dieses urkomischen Roadtrips, der von neuen Freunden bereichert, von zwei Leichen gepflastert und jeder Menge Alkohol gezeichnet ist, wird aus dem nicht weniger turbulenten Leben des Allan Karlsson erzählt, den so schnell nichts mehr überraschen kann. Ohne selber allzuviel beizutragen, hatte er bei unzähligen historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts seine Finger im Spiel. Schicksal, Zufall und meist eine Verkettung von mehr oder weniger glücklichen Umständen lassen ihn auf den historischen Schauplätzen des 20. Jahrhunderts agieren. Selber zutiefst unpolitisch, war er auf Du und Du mit den Großen der Weltpolitik. Er rettete z.B. Franco das Leben, trank mit Truman und Stalin um die Wette, hatte bei der Erfindung der Atombombe die zündende Idee, spielte im Kalten Krieg eine entscheidende Rolle und mischte die Politik in Asien ordentlich auf.

Wenn auch die Idee nicht neu ist – wurde sie doch durch die Figur des Forrest Gump m.E. unübertrefflich abgehandelt – so bescherte mir Jonas Jonasson einen Lesegenuss der besonderen Art. Mit ungeheurer Phantasie und Kreativität, Situationskomik und Wortwitz wird hier eine absurde Lügengeschichte dermaßen ernsthaft und selbstverständlich erzählt, wie ich es bisher nur bei John Irving gelesen habe. Ohne Rücksicht auf historische Tatsachen und oft fast schon an der Grenze zur Geschmacklosigkeit werden Realität und Fiktion vermischt, werden historischen Personen besondere Eigenschaften und/oder Familienmitglieder angedichtet, werden Staaten verunglimpft und politische Systeme irrwitzig dokumentiert.

Stilistisch ist das Buch einfach gehalten, stellt keine allzu hohen Ansprüche und liest sich dementsprechend enorm flott. Wer unter diesen Voraussetzungen sich ein paar Stunden gut unterhalten lassen will, zudem Fan von John Irving und/oder Arto Paasilinna ist, dem sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt!

Jonas Jonasson (Klappentext):
geb. 1962 im schwedischen Växsjö, arbeitete nach seinem Studium in Göteborg als Journalist. Später gründete er eine Medien-Consulting-Firma. Doch nach 20 Jahren in der Medienwelt verkaufte er alles und zog in den Schweizer Kanton Tessin, wo er sich seither dem Schreiben widmet. Zurzeit arbeitet Jonasson an seinem zweiten Roman.

Christine

carl’s books Verlag 2011, Übersetzung: Wibke Kuhn, Brochur 14,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3570585016

“EisTau” von Ilija Trojanow

Zeno Hintermeier, „Mr. Iceberg“ ist Gletscherforscher, Glaziologe, und eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Zeit seines Lebens verbrachte er mit dem Beobachten und Studieren von Gletschern. Als sich aber seine Arbeit immer mehr darauf konzentriert, das Schmelzen des ewigen Eises zu beobachten und er erkennt, dass er bestenfalls protokollieren, aber nichts ändern oder gar aufhalten kann, sieht er seine Grenzen als Wissenschaftler erreicht, seine Trauer wird zur Wut, er gibt seinen Beruf auf und heuert auf einem Kreuzfahrtschiff in der Antarktis als Expeditionsleiter an, um den Passagieren die unberührte Natur der Antarktis näher zu bringen und v.a. sein großes Anliegen, die Umweltproblematik zu thematisieren. Doch dieser Job ist so unbefriedigend wie zermürbend, Zeno scheitert an der Ignoranz der Passagiere, der Gleichgültigkeit der Spaßgesellschaft, der jegliche Respekt vor der Natur abhanden gekommen ist, die sich an Walfang-Praktiken ergötzt, Pinguine „zum Angreifen“ sucht, Souvenirshops am Ende der Welt stürmt und das feudale Leben an Bord genießt. Als dann auch noch ein Aktionskünstler in der Antarktis (und mit der Antarktis) Kunst inszenieren will, platzt ihm der Kragen ….

„Der einzelne Mensch ist ein Rätsel, einige Milliarden Menschen, organisiert in einem parasitären System, sind eine Katastrophe“ ( S.167). Ilija Trojanow thematisiert in seinem Buch - auch mit viel Zynismus und Ironie - die Umweltthematik, die sukzessive Zerstörung der Umwelt durch den Menschen und gleichzeitig die Ignoranz, die Gleichgültigkeit, mit der wir diese Zerstörung zulassen. Das Buch ist unangenehm, sehr unangenehm sogar, denn die Ausrede, man fahre ja nicht mit einem Luxusdampfer in die Antarktis, gilt nicht. Ein Leben ohne oder gegen die Natur ist nicht möglich, Umweltzerstörung geschieht jeden Tag zu jeder Zeit auf jedem Flecken der Erde. Trojanow prangert v.a. die Ignoranz der Gesellschaft an, zweifelt aber gleichzeitig auch an seinen Möglichkeiten als Schriftsteller, hier eine Lösung anbieten zu können: ”

„Lebende Autoren hingegen, das erfuhr ich, wann immer ich die Zeitung aufschlug, sollen sich bescheiden, ein wenig anregen, ein wenig erregen, ein wenig aufregen, aber auf gar keinen Fall die Welt verändern wollen. Wie soll man noch zu Lebzeiten aufrütteln? Beschämung funktioniert nicht, da sich jeder selbst öffentlich bloßstellt, Pathos funktioniert nicht, da alles kleingeredet wird. Und Gewalt? Gewalt ist die einzige Sprache, die noch nicht von den Etiketten der Sponsoren überklebt ist.“ (S. 146)

Das Buch ist mit seinen knapp 170 Seiten, eingeteilt in 12 Kapitel, verhältnismäßig dünn. Jedem Kapitel ist eine Art „Logbuch“ angehängt, ein Sammelsurium aus wirren Schlagzeilen, Seemannsfloskeln und Funksprüchen, das eklatante Stilbrüche darstellt und den Erzählfluss stark hemmt, doch das Buch soll ja nicht nur inhaltlich, sondern auch lesetechnisch unangenehm sein.
Eine Leseempfehlung an jedermann!

Christine

Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 18,90 €, 176 Seiten, ISBN: 978-3446237575

“Wiedersehen in Fiumicino” von Reinhard Kaiser-Mühlecker

In seinem dritten Roman verlässt Reinhard Kaiser-Mühlecker den immer sehr beschaulich dargestellten Schauplatz Österreich seiner beiden Romane „Der Gang über die Stationen“ und „Magdalenaberg“ und führt den Leser nach Argentinien. Im Mittelpunkt steht Joseph, zurückhaltender und etwas zielloser Wiener Agraringenieur, der in Buenos Aires an einer Studie der Lebensmittelindustrie arbeitet, akribisch das Sortiment von Supermarktketten durchforstet und sich überdies den Anbau von Gen-Soja erforscht. So konsequent, genau und verlässlich er seine Arbeit erledigt (über die man leider nicht viel erfährt), so nachlässig, fahrlässig und egoistisch regelt er seine privaten Dinge. Seine Wiener Freundin hat er von seinem Auslandsaufenthalt nicht informiert, und in Buenos Aires zieht er nach wenigen Tagen zu Savinia, einer begabten Musikerin, die allerdings an ihr Talent nicht glaubt, die er dort kennenlernt, um sie aber kurz später genauso schnell wieder zu verlassen.

Während dieser Zeit in Buenos Aires kreuzen sich die Lebenswege der insgesamt vier Protagonisten, die alle irgendwie mit Joseph verbunden sind. Sein ehemaliger Wiener Freund Hans Kramer ist schon vor Jahren ausgewandert, nennt sich Juan und arbeitet als Museumswärter, Augusto ist Arzt und Sohn eines argentinischen Großgrundbesitzers, der mit seinem Vater aufgrund dessen Profitstreben gebrochen hat.

Die Protagonisten kommen abwechselnd – jeweils in der Ich-Form – zu Wort, Joseph steht immer im Fokus des Erzählten. Genau dieser Kniff macht dieses Buch zu etwas Besonderem, ist aber gleichzeitig auch das größte Problem. Ein und dieselbe Situation wird im nächsten Kapitel aus der Sichtweise eines anderen erzählt, wird dadurch viel plastischer und stellt sich plötzlich ganz anders dar. Der Einstieg fällt sehr schwer, zu Beginn tummeln sich die vielen „Ichs“ und sind nur schwer einzuordnen. Doch mit den Kapiteln lernt man die Charaktere näher kennen und kann so auch die Erzählenden besser zuordnen. Das Buch liest sich aufgrund der ständig wechselnden Perspektiven sehr kurzweilig, der Sprachstil ist ausgefeilt und detailverliebt, und dennoch fehlte mir das gewisse Extra, bleibt es mir ein wenig zu sehr an der Oberfläche. Ob es an der sehr betonten Bemühung, dem Buch einen Touch von Globalisierung zu verleihen, oder ob es einfach nur daran liegt, dass man vielleicht zu viele Themen auf 300 Seiten verpackt hat , kann ich nicht sagen. Dennoch sehr lesenswert, wenn auch meiner Meinung nach nicht das beste Buch des Schriftstellers!

Christine

Hoffmann und Campe Verlag 2011, Hardcover 20 €, 318 Seiten, ISBN: 978-3455403091

“Und nehmen was kommt” von Ludwig Laher

Die Kindheit des Roma-Mädchens Monika ist geprägt von einem ständig betrunkenen Vater und einer völlig überforderten Mutter, Armut, Hunger, von geistiger und körperlicher Verwahrlosung und Vernachlässigung. Welche Zukunft hat ein Mädchen, dem keinerlei Bildung oder Weltgewandtheit zuteil wurden? – Eigentlich keine. Und so landet Monika im Kinderheim, macht erste Drogenerfahrungen und lässt sich durch das schnelle Geld am Straßenstrich blenden. Sie wird von einem Zuhälter zum nächsten weitergereicht, ihre Gutgläubigkeit und Naivität, ihre absolute Ahnungslosigkeit was die Dinge des Lebens anbelangt, bringen sie immer näher an den Abgrund, jeder selten auftauchende Lichtblick wird zu einer weiteren herben Enttäuschung. Alkohol und Drogen machen ihr dieses Leben zumindest ertragbar, oft sieht sie den letzten Ausweg nur noch im Suizid, doch auch diese Versuche misslingen.

Ludwig Laher, bekannt dafür, stets heikle Themen (Asylthematik in „Verfahren“ oder Behinderung in „Einleben“) in Angriff zu nehmen, erzählt fast dokumentarisch und sehr im Detail den traurigen Lebensweg der Monika und zugleich eine Gesellschaftsstudie über das Leben der Roma. Mit feiner psychologischer Klinge lässt er den Leser teilhaben an diesem fast unabwendbaren Schicksal einer eigentlich starken Frau mit viel Selbstdisziplin, die aber dem Leben nicht gewachsen ist, die den Weg aus der Schlinge einfach nicht findet und immer an die falschen Personen – meist Männer – gerät. Insgesamt ein fesselndes Buch, wenn auch an manchen Stellen zu viel erklärt, zu viel dokumentiert wird, dem Leser kaum Raum für eigene Gedanken gegeben wird und ein etwas märchenhaft anmutender Schluss den Lesegenuss etwas schmälern.

Ludwig Laher wurde Ende 1955 in Linz an der Donau geboren. Nach Volksschule und Gymnasium studierte er in Salzburg Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie, unterrichtete an einem Salzburger Gymnasium, immer wieder auch als Lehrbeauftragter an div. Universitäten. Derzeit arbeitet er parallel als Autor und Lehrer. Zuletzt erschien das Buch “Verfahren”, das es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 schaffte.

Christine

Haymon Verlag 2011, Broschur 9,95 €, 221 Seiten, ISBN: 978-3852188850

“Drei starke Frauen” von Marie NDiaye

Drei Frauen, drei Leben, drei Schicksale. Drei eigenständige Geschichten, die subtil miteinander verwebt sind.

Norah ist Rechtsanwältin, ihr Vater hat seine Frau und die beiden Töchter verlassen, den Sohn hat er mitgenommen. Norah wurde nichts geschenkt im Leben und als sie jetzt ihr Vater, zu dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte, zu sich bittet um ihn bzw. seinen Sohn aus der Klemme zu helfen, regt sich in ihr großer Widerstand, alte Wunden reißen auf und der Fokus wird auf Vorfälle in ihrer Kindheit gerichtet, die sie lieber vergessen würde…

Fanta ist die zweite Protagonistin. Ihre Geschichte erfährt man von ihrem Ehemann Rudy, einem suspendierten Französischlehrer, der voller Mannesstolz Fanta aus dem Sumpf geholt hatte, den großen Gönner gespielt hat und ihr die Welt zu Füßen legen wollte, ehe er von seiner Vergangenheit eingeholt wurde und sein wahres Ich zum Vorschein trat, Aggressivität und Gewalt überhand nehmen und er das Leben beider zerstörte.

Die dritte Geschichte erzählt von Khady. Nach dem Tod ihres Mannes wird die kinderlos gebliebene Frau von dessen Familie nur geduldet, um diesem Schicksal zu entrinnen begibt sie sich in die Hände von Schleppern, die sie nach Frankreich bringen sollen. Sie ist fürchterlichen Zuständen ausgesetzt, wird betrogen, ausgenutzt und landet schließlich als Prostituierte in einem Durchgangslager.

Alle drei Schicksale spielen sich zwischen Senegal und Frankreich ab und führen in diesen – zumindest mir - so fremden Kulturkreis. Allen drei Frauen ist von kleinauf ein Schicksal in einem von Männern und von Gewalt beherrschten Umfeld auferlegt, dem es kein Entrinnen gibt. Keine der drei Frauen stellt sich aktiv gegen dieses Schicksal, sie ertragen Erniedrigungen, Demütigungen und Gewalt. Dennoch erscheinen sie als starke Frauen, den sie behalten sich bis zuletzt und in jeder Situation ihre Würde und Menschlichkeit und lassen so die Männer – seien es Väter oder Ehegatten – schwach aussehen. Sie dulden das Schicksal, nehmen seelische und körperliche Verletzungen mit einer erstaunlichen Gelassenheit hin, ohne aber passiv zu wirken, ohne sich geschlagen zu geben.

Sprachlich ausgefeilt, detailreich, mit manch magischen Elementen gespickt und sehr elegant schildert Marie NDiaye die Gefühlswelten der Protagonistinnen, doch für mich wirken dadurch die Bitterkeit, die Tristesse, die Härte und die Grausamkeit noch beklemmender. Das Buch berührte mich tief und ich halte es mit der Sabine Rohlf (Berliner Zeitung) die meinte „Mit ihrer eindringlichen und ziemlich schonungslosen Wirklichkeitsnähe sagt NDiaye sehr viel über eine Welt, in der die einen vom Design ihrer Einbauküche, die anderen vom schlichten Überleben träumen

Inwieweit Marie NDiaye, geb. 1967, aufgewachsen in einem Vorort von Paris, der Vater verließ die Familie Richtung Senegal als sie ein Jahr alt war, ihre senegalesischen Wurzeln und ihre Familiengeschichte verarbeitete, lässt sich nur erahnen. Sie lebte in vielen Ländern Europas ehe sie sich vor einigen Jahren mit ihrer Familie in Berlin niederließ. Für “Drei starke Frauen” erhielt sie den Prix Goncourt 2010, sehr verdient, wie ich meine!

Christine

Suhrkamp Verlag 2010, Übersetzung: Claudia Kalscheuer, Hardcover 22,90 €, 342 Seiten, ISBN: 978-3518421659

“Letzte Ausfahrt vor der Grenze” von Irene Prugger

Das Leben ist wie eine Autobahn …. es gibt immer wieder die Möglichkeit, die breite, geradlinige und sicher ans Ziel bringende Straße zu verlassen, um sich über eine verzweigte, schmale Ausfahrt einen neuen Weg zu suchen, oder aber auf der sicheren, bekannten Fahrbahn bleiben, die einem sicher und komplikationslos ans Ziel bringt. Ein Zurück gibt es nicht, die Entscheidung verbleibt beim Fahrer, der Beifahrer muss mit ….. dieser Vergleich fällt mir ein, nachdem ich diese Kurzgeschichtensammlung gelesen habe. Die 18 Stories lesen sich rasch weg, unter dem Motto „eine geht noch“ habe ich sie binnen 24 Stunden gelesen. Sie sind sehr unterschiedlich und abwechslungsreich, obwohl sie doch vom gleichen Thema handeln: Beziehungen, bevorzugt langjährige Paarbeziehungen mit all ihren Schikanen. Die Charaktere sind aus dem Alltag gegriffen, man erkennt Herrn Huber und Frau Maier aus der Nachbarschaft wieder, und hin und wieder auch sich selber. Die Geschichten können jederzeit und jeden Tag irgendwo in der Nähe passieren, und doch wird es nicht langweilig, sie zu lesen! Sei es das Ehepaar, das sich nach vielen Ehejahren eine Woche getrennten Urlaub gönnt, eine Politikergattin, die genug vom Schattendasein hat und sich einen Geliebten zulegt und dabei einen kapitalen Fehler macht, ein Selbstmörder, der für 3 Stunden Zugverspätung sorgt, der ledige Bauer, der alle Liebeshoffnung auf eine Osteuropäerin aus dem Internet setzt oder die Lehrerin, die alle Hoffnungen in einen kleinen Jungen setzt ….. Mit einem ordentlichen Schuss Witz und Ironie garniert verleiht die Autorin jeder Geschichte trotz schnökelloser, oft nüchtern-distanzierter Erzählweise einen besonderen Charme und auch Tiefgang und lässt sie nicht “alltäglich” wirken. Einzig das sich ständig wiederholende Rollenbild, das man in vielen der Geschichten vorfindet - beruflich erfolgreicher Mann, der sich die eine oder andere Freiheit herausnimmt und duldsame, schweigende, fast demütige Frau die sich um Haushalt und Kinder kümmert - hat mich am Ende doch gestört. Insgesamt ein nettes Büchlein für Zwischendurch!

Irene Prugger: geb. 1959 in Hall/Tirol. Seit 1988 freie Journalistin und Schriftstellerin, verfasst Prosa, Hörspiele und Theatertexte.

Christine

Haymon Verlag 2011, Hardcover 19,90 €, 184 Seiten, ISBN: 978-3852186993

“Nichts: Was im Leben wichtig ist” von Janne Teller

«Nichts bedeutet irgendetwas, das weiß ich seit langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun» mit diesen Worten verabschiedet sich der 13-jährige Pierre Anthon aus dem Klassenraum um auf einen Pflaumenbaum zu klettern und von nun an seine Klassenkameraden mit nihilistischen Weisheiten und reifen Pflaumen zu bewerfen.

Um ihm das Gegenteil zu beweisen, beginnt die Klasse in einem verlassenen Sägewerk Dinge zu sammeln, die von Bedeutung sind. Jeder muss seinen Teil beisteuern, wer sein Opfer gebracht hat, darf den nächsten und dessen Opfer bestimmen. Die Spirale beginnt mit harmlosen Gegenständen wie Sandalen, Ohrringen oder Bücher, dreht sich aber immer intensiver und fordert sehr persönliche Dinge, den Gebetsteppich, Haustiere, und …. und eskaliert schließlich. Je größer der Schmerz, desto größer ist die Bedeutung. Längst geht es nicht mehr darum, Pierre Anthon zu überzeugen (der auch völlig unbeeindruckt bleibt), es entwickelt sich eine Gruppendynamik und eine Spirale der Gewalt die von Neid, Rache und Willkür bestimmt wird. Erwachsene spielen in diesem Buch eine untergeordnete Rolle, sie greifen nicht als moralische Instanz ein.

Janne Teller begibt sich in ihrer Parabel mit dem Leser auf ein radikales Gedankenexperiment das aufgrund von Stil und Formulierung einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann und thematisiert in ihrem Buch Themen, die die Welt seit Menschengedenken beschäftigen … Was ist der Sinn des Lebens, hat es überhaupt einen Sinn, worin liegt der Sinn, kann man ihn fassbar machen. Antwort hat sie keine gefunden, aber jede Menge Denkanstöße, wie man der Angst vor der großen Leere begegnen und den Pierre Anthon, den wohl jeder mehr oder weniger in seinem Kopf hat, ruhigstellen bzw. sich mit ihm versöhnen kann.

Janne Teller, geb. 1964, stammt aus einer österreichisch-deutschen Familie. Als Makroökonomin arbeitete sie von 1988 bis 1995 als Beraterin für die EU und für die UNO in Dar-es-Salaam, Brüssel, New York und in Mosambik. Seit 1995 widmet sie sich ganz ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin und lebt abwechselnd in New York, Mailand, Paris und Kopenhagen. Werke von Janne Teller wurden in zwölf Sprachen übersetzt, darunter ins Englische, Deutsche, Französische, Italienische und Spanische. (von wikipedia)

Christine

Carl Hanser Verlag 2010, Übersetzung: Sigrid Engeler, Taschenbuch 12,90 €, 144 Seiten, ISBN: 978-3446235960

“Was davor geschah” von Martin Mosebach

Am Swimmingpool der großbürgerlichen Familie Hopstens trifft sich wöchentlich eine illustre Gästeschar. Die Gastgeberin Rosemarie Hopstens liebt es, von wohlwollenden Menschen umgeben zu sein, sich bewundern zu lassen und ihre nach außen hin perfekte Ehe zur Schau zu stellen. Der Ich-Erzähler ist neu in der Stadt und wurde von Titus Hopstens, dem Sohn der Familie erstmalig zu so einer Party eingeladen. Aus der Rolle des Beobachters gibt er in diesem Buch seiner Freundin Einblicke in den Mikrokosmos dieser Runde, von den Beziehungen zueinander, den verbindenden und trennenden Personen und v.a. vom Kakadu der Familie, der mit scharfen Augen die Vorgänge beobachtet.

Es ist Martin Mosebachs unbeschreiblichem Sprachgeschick zu verdanken, dass dieses Buch trotz einer Aneinanderreihung von Banalitäten und einer Handlung, die quasi nicht vorhanden ist und eher einer 0/8/15-Seifenoper gleicht, so lesenswert ist. Thema des Buches sind Belanglosigkeiten, Befindlichkeitsstörungen, kleine Intrigen, Seitensprünge und Geltungsdrang der Protagonisten und das sind eigentlich Dinge, dir mich normalerweise nicht begeistern können. In einer Rezension wird dieses Buch mit dem „Zauberberg“ von Thomas Mann verglichen, diesem Vergleich stimme ich uneingeschränkt zu.

Und auch wenn der Inhalt dieses immerhin knapp 330 Seiten umfassenden Buches rasch in Vergessenheit geraten wird, es wird mir als außergewöhnliches, sprachästhetisches Buch in Erinnerung bleiben.

Christine

Carl Hanser Verlag 2010, Hardcover 21,90 €, 336 Seiten, ISBN: 978-3446235625