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Archiv der Kategorie deutschsprachige Gegenwartsliteratur
„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge
16.2.2012 von Krümel.
Eine nachdenklich stimmende Familien-Chronik.
>>Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen. Dann stand er auf, duschte ausgiebig, um auch den letzten Partikel Krankenhausluft von sich abzuwaschen, und fuhr nach Neuendorf.<<
Der Protagonist dieser Chronik heißt Alexander. Im Jahr 2001 erhält er die Diagnose unheilbaren Lymphknotenkrebs, und dass sein Vater Kurt ihn höchstwahrscheinlich überleben wird. Um mit dieser Situation fertig zu werden, beschließ Alexander nach Mexiko zu reisen. Dort wandelt er auf den Spuren seiner Großmutter, allerdings entpuppt sich diese Spurensuche immer mehr einer Selbsterkenntnis. Und mit dieser Ausgangssituation eröffnet der Autor den Blick auf Alexanders Familie:
Charlotte, Alexanders Großmutter, mit ihrem zweiten Mann Wilhelm, der nicht der Großvater ist, sind leidenschaftliche Kommunisten, die nach dem II. Weltkrieg freiwillig in die Deutsche Demokratische Republik heimkehren. Zwei Söhne gab es aus erster Ehe, beide verbrachten Jahre in einem Gulag, aus dem nur Kurt zurück kehrte. Da bröckelt also schon der kommunistische Gedanke, und in der nächsten Generation ist er völlig abhanden gekommen, denn Alexander türmt 1989 in den Westen.
Das ist die schwierige Familiensituation, die der Autor gut gewählt mit „Zeiten des abnehmenden Lichts“ betitelt. Das utopische Licht, das einst so schön von Marx in die Welt gesetzt worden ist, und dennoch nie wirklich gestrahlt hat.
>>Der Letzte Satz, den Kurt zusammenhängend hatte sagen können war: Ich habe die Sprache verloren.<<
Der Roman beginnt mit einer sehr gehetzten und getrieben Sprache, die mit Assoziationsketten/Bewusstseinsstrom arbeitet. Sie ist etwas kompliziert zu lesen, passt aber hervorragend zum Protagonisten. Da aber der Autor auch andere Kapitel und Figuren zu Beginn in diesem Stil beschreibt, ihn nicht ausschließlich auf Alexander verwendet, sondern leider generell nach knapp 100 Seiten in einen weichen, erzählerischen Stil, der sich dann so richtig gut lesen lässt, verfällt, empfand ich als störend. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass die Kapitel 1. Oktober 1989 immer aus der Blickrichtung eines anderen Familienmitglied neu erzählt wurde. Der Leser bleibt nach der Lektüre mit einem vollen Gefühl und vielen guten Lesestunden zurück, so dass ich das Buch gerne weiter empfehlen kann.
Krümel
Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 19,95 €, 426 Seiten, ISBN: 978-3-498-05786-2
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“Die Herrlichkeit des Lebens” von Michael Kumpfmüller
9.2.2012 von Krümel.
Eine angenehme fiktionale Nachempfindung!
Das letzte Jahr des Doktors umschreibt der Autor in diesem Buch. Und der Doktor ist kein anderer als Franz Kafka, der anhand vieler Briefe und Tagebucheinträgen sehr einfühlsam und prägnant auferweckt wird. 1923 lernt Kafka in einem Ostseebad Dora kennen. Beide spüren direkt, dass da zwischen ihnen so was wie eine Seelenverwandtschaft existiert und beschließen zusammen zu bleiben. Ein Unternehmen mit Hindernissen, denn der Doktor wird aufgrund seiner Erkrankung, Tuberkulose, stark von seiner Familie bestimmt. Seine Schwestern und Eltern kümmer sich in ihrer Art schon recht rührend um ihm, aber sie nehmen ihm auch den letzten Atem. Dora schenkt ihm diese Freiheit, und so setzt sich Kafka durch und zieht mit Dora nach Berlin, auch wenn es sich für seine Krankheit nachweislich als äußerst ungünstig erweist. Seine Tuberkulose bricht aus, er muss ins Sanatorium und stirbt kaum ein Jahr später.
>>Er wird sterben, wenn er jung ist, - , ohne die geringste Weisheit.<<
Das Buch besteht aus drei Teilen: kommen, bleiben und gehen. Der Autor erzählt diese Geschichte mit ganz feiner Hand, eindringlich spürt man die Leidenschaft dieser zwei Menschen, die sich beide aufopfern für den anderen, und so noch eine wunderbare Zeit in Berlin verleben. Leider sind die Briefe von Dora von der Gestapo 1933 bei einer Hausdurchsuchung konfisziert worden und seitdem verschollen.
Persönlich fand ich den letzten Teil etwas zu pathetisch, ansonsten war das Buch eine sehr angenehme und entspannende Lektüre.
Michael Kumpfmüller geboren 1961 in München, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Im Jahr 2000 debütierte er mit dem viel diskutierten Ost-West-Roman „Hampels Fluchten“. 2003 folgte das zweite Buch „Durst“ nach einem wahren Kriminalfall, 2008 der Gesellschaftsroman „Nachricht an alle“, der mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde.
Krümel
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Hardcover 18,99 €, 239 Seiten, ISBN: 978-3-462-04326-6
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“Der Hals der Giraffe” von Judith Schalansky
2.2.2012 von Krümel.
Dieser „Bildungsroman“ ist anstrengend zu lesen!
Die Protagonistin reflektiert drei Tage aus ihrem Leben. Sie ist Biologielehrerin irgendwo im vorpommerischen Hinterland und das seit über 30 Jahren. Verheiratet ist sie mit einem Straußenzuchtwart und ihre Tochter wohnt seit langem in Amerika. Sie, Inge Lohmark, unterrichtet die 9. Klasse in Biologie, in der nur noch 12 Schüler den Unterricht zieren, so dass in vier Jahren damit Schluss ist, das Gymnasium, an dem sie unterrichtet, wird geschlossen.
>>Es lohnte einfach nicht, die Schwachen mitzuschleifen. Sie waren nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behinderte. Geborene Wiederholungstäter. Parasiten am gesunden Klassenkörper. Früher oder später würden die Unterbelichteten ohnehin auf der Strecke bleiben . <<
Das Buch ist eine Aneinanderreihung biologischer Einschübe, und diese sind dazu noch sehr oberflächlich, und beinhalten mehr oder weniger Schlagwörter aus dem Biologie-Leistungskurs-Standardwissen. Der Ton, in dem diese Triaden vorgetragen werden, ist anfangs noch frisch, wird aber im Verlaufe der Lektüre eintönig, wenn nicht sogar einschläfernd.
>>Wege zur sozialistischen Kuh. Langlebig, fruchtbar und robust. Drei Fliegen mit einer Klappe. Pralle Euter, starke Muskeln. Ein paar Jahre milchbetontes Mästen. Fertig war das vollkommene Zweinutzungsrind. Die eierlegende Wollmilchsau.<<
>>Was man alles nicht mehr sagen durfte: Neger, Fidschis, Zigeuner, Zwerge, Krüppel, Sonderschüler. Als ob damit irgendwem geholfen wäre. Sprache war doch dazu da, klarzumachen, was gemeint war.<<
Nach dem Lesen ist dem Leser bewusst wozu der biologische Teil im Buch dient, nämlich als Übertragung, und diese ist dann auch sehr raffiniert herausgearbeitet. Ein System gleicht dem anderen System, und überleben kann nur der Fitteste, die Mutation, die Vorteile bringt und der einzelne untergeht. Damit erhält der Roman auch seine Berechtigung in der Literatur, wenn er auch alles andere als gut lesbar ist. Allerdings steht meiner Meinung nach die Entwicklung der Protagonistin nicht so sehr im Rampenlicht, wie es bei einem „Bildungsroman“ der Fall sein müsste. Und ein Bildungsroman hat halt nichts mit bildenden Romanen zu tun, zumal die Biologie hier als Metapher dient. Fazit: Wenn man die Muse auf diese Zeilen hat, wird man am Ende ein wenig belohnt.
>>Neuerdings sollte es nicht mal mehr Menschenrassen geben. Wer das leugnete, war blind. Dass ein Neger anders als ein Eskimo aussah, war ja wohl offensichtlich.<<
Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr literarisches Debüt, der Matrosenroman „Blau steht dir nicht“, erschien 2008. Für ihren „Atlas der abgelegenen Inseln“ wurde sie 2010 mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.
Krümel
Suhrkamp Verlag 2011, Hardcover €, 222 Seiten, ISBN: 978-3-518-42177-2
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“Unterwegs im Namen des Herrn” von Thomas Glavinic
9.12.2011 von Krümel.
Mit seinem Freund Ingo meldet sich der Ich-Erzähler und Atheist, der überraschenderweise Thomas Glavinic heißt, zu einer Busreise nach Medjugorje an. Weil er sehen möchte, „welche Menschen Pilgerreisen unternehmen“, und er erfahren will, „ wie es auf einer solchen Reise zugeht“. Er will „Menschen in ihrem Glauben erleben“, vielleicht auch, weil er sie „irgendwo tief in sich drin darum beneidet“. Soviel zu seinem frommen Wunsch. Eigentlich hätte es Lourdes werden sollen, doch die lange Anreise schreckt ihn ab, so wird Medjugorje als Ziel gewählt, und wie sich herausstellt, ist die Reise lange genug. Vor allem für den Leser. Denn der ungläubige Thomas, wie er sich gerne selber bezeichnet, wird nicht müde, Belanglosigkeiten und oberflächliche Beschreibungen der Mitreisenden zum Besten zu geben und nebenbei immer wieder zu betonen, wie trinkfest er nicht ist. Zudem sieht er sich als Nabel des Universums, sieht ständig die Blicke des Reiseleiters auf sich gerichtet, fühlt sich ständig persönlich angesprochen, was weniger auf sein gewinnendes Wesen als vielmehr auf seine ausgeprägte, ich würde sagen fast krankhafte, Egomanie zurückzuführen ist.
Und so begleitet der ungläubige Thomas diese – vor Klischees nur so strotzende – Pilgergruppe, die hauptsächlich aus alten frommen Bäuerinnen zu bestehen scheint, die rosenkranzbetend die Fahrt verbringt. Endlich am Ziel angekommen wird er von einer Angina dazu gezwungen, neben Alkohol auch noch Unmengen an Schmerztabletten zu konsumieren, sodass der Wallfahrt ein jähes Ende beschieden ist und er auf Freunde seines Vater zurückgreifen muss, die ihn über Mafia-Umwege nach Wien zurückbringen.
Aus der Thematik dieses Buches kann ein talentierter Schriftsteller viel herausholen. Wallfahrten und Pilgertum geben genug Stoff für eine gleichsam ironische wie auch ernsthafte Betrachtungsweise, doch was Glavinic hier vorlegt, hat mich eher fassungslos zurückgelassen. Das Buch ist lieblos, oberflächlich und belanglos, seine halbherzigen Versuche, die Angelegenheit mit Humor zu betrachten, scheitern kläglich. Er beleuchtet weder die Menschen, die Pilgerreisen unternehmen, er möchte eigentlich auch gar nicht wissen, wie es auf so einer Reise zugeht, noch weniger will er Menschen in ihrem Glauben erleben. Es dreht sich einzig und allein alles um einen Herrn Thomas Glavinic, der hauptsächlich mit seinem Handy befasst ist, sms-schreibend oder auf Netzsuche, und dessen Augenmerk in erster Linie darin liegt, den Alkoholfluss nicht versiegen zu lassen.
Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass Herr Glavinic noch schnell ein Buch veröffentlicht hat, um vielleicht als Trittbrettfahrer ein wenig auf dem einträglichen (aber sinkenden) Markt der Pilgerberichte mitzufahren. Für mich ist das Buch eine Enttäuschung, ich kann den Hype rund um den Autor nicht nachvollziehen, und ich lasse nun endgültig die Finger von ihm.
Christine
Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 17,90 €, 208 Seiten, ISBN: 3446237399
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Christine | Keine Kommentare »
“Katzenberge” von Sabrina Janesch
25.11.2011 von Krümel.
Nele Leipert, eine junge, in Berlin lebende Journalistin, hat ihre familiären Wurzel im Oberschlesischen. Als sie die Nachricht vom Tod ihres geliebten Großvaters erhielt, führ sich nach Polen zu dessen Beerdigung. Schnell kommen Fragen nach dessen Vergangenheit auf und so beschloss Nele, weiter Richtung Osten zu reisen, in die Ukraine, dem ehemaligen Galizien. Von dort wurde die Familie nach dem 2. Weltkrieg nach Polen vertrieben.
Sabrina Janesch legt mit „Katzenberge“ einen beachtenswerten Debütroman vor. Sie erzählt einerseits die Geschichte der Nele Leipert, die sich selbst als in Deutschland angekommen betrachtet, von den Deutschen und den Polen jedoch immer der anderen Seite zugeordnet fühlt. Viele der beiderseitig gängigen Vorurteile werden bedient und mit den dazugehörigen Klischees ad absurdum geführt. Die Autorin erzählt aber gleichzeitig die Lebensgeschichte von Neles Großvater. Mit Neles Reise ins frühere Galizien lichten sich nach und nach die Schleier, die über dessen Vergangenheit lagen. Durch die gekonnten Beschreibungen fühlt man sich als Leser schnell in die harte Nachkriegszeit hineinversetzt. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, dass die verschiedenen Zeiten ineinander verlaufen, ebenso wie die Grenzen zwischen Realem und Mystischem. Diese etwas rätselhaften Elemente haben mich überhaupt nicht gestört, sie stehen für sich und sind nach der Lektüre des Buches selbsterklärend.
Der Roman ist wegen der angenehmen Sprache und der unterschwelligen Ironie sehr gut und flüssig zu lesen. Er besitzt eine ganz eigene Spannung, die es einem schwer machte, das Buch zur Seite zu legen. Die Charaktere sind lebensnah, wenn auch nicht alle bis zur letzten Konsequenz für mich greifbar waren.
Nicht anfreunden konnte ich mich mit den immer wieder im Buch vorkommenden polnischen Redewendungen und Floskeln. Auch ohne diese wären ihm weder Glaubwürdigkeit noch Authentizität verlorengegangen.
„Katzenberge“ ist eine sehr schöne Reise in die Vergangenheit, in dieser Richtung wird die Geschichte erzählt. Schuld, Vertreibung, ein Familienfluch und die große Liebe einer Enkelin zu ihrem verstorbenen, geheimnisvollen Großvater sind die tragenden Pfeiler in diesem Roman, den ich mit viel Freude gelesen habe und gern anderen Lesern empfehle.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Sabrina Janesch studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, außerdem Polonistik in Krakau. U. a. Gewinnerin des O-Ton Literaturwettbewerbes des NDR, Stipendiatin des Schriftstellerhauses Stuttgart und des LCB. Sie war erste Stadtschreiberin von Danzig und erntete dabei viel Medienaufmerksamkeit. Zurzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. http://www.sabrinajanesch.de
Heike
Aufbau Verlag 2010, Hardcover 19,95 €, 273 Seiten, ISBN: 978-3351033194
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Heike | Keine Kommentare »
“EisTau” von Ilija Trojanow
7.11.2011 von Krümel.
Zeno Hintermeier, „Mr. Iceberg“ ist Gletscherforscher, Glaziologe, und eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Zeit seines Lebens verbrachte er mit dem Beobachten und Studieren von Gletschern. Als sich aber seine Arbeit immer mehr darauf konzentriert, das Schmelzen des ewigen Eises zu beobachten und er erkennt, dass er bestenfalls protokollieren, aber nichts ändern oder gar aufhalten kann, sieht er seine Grenzen als Wissenschaftler erreicht, seine Trauer wird zur Wut, er gibt seinen Beruf auf und heuert auf einem Kreuzfahrtschiff in der Antarktis als Expeditionsleiter an, um den Passagieren die unberührte Natur der Antarktis näher zu bringen und v.a. sein großes Anliegen, die Umweltproblematik zu thematisieren. Doch dieser Job ist so unbefriedigend wie zermürbend, Zeno scheitert an der Ignoranz der Passagiere, der Gleichgültigkeit der Spaßgesellschaft, der jegliche Respekt vor der Natur abhanden gekommen ist, die sich an Walfang-Praktiken ergötzt, Pinguine „zum Angreifen“ sucht, Souvenirshops am Ende der Welt stürmt und das feudale Leben an Bord genießt. Als dann auch noch ein Aktionskünstler in der Antarktis (und mit der Antarktis) Kunst inszenieren will, platzt ihm der Kragen ….
„Der einzelne Mensch ist ein Rätsel, einige Milliarden Menschen, organisiert in einem parasitären System, sind eine Katastrophe“ ( S.167). Ilija Trojanow thematisiert in seinem Buch - auch mit viel Zynismus und Ironie - die Umweltthematik, die sukzessive Zerstörung der Umwelt durch den Menschen und gleichzeitig die Ignoranz, die Gleichgültigkeit, mit der wir diese Zerstörung zulassen. Das Buch ist unangenehm, sehr unangenehm sogar, denn die Ausrede, man fahre ja nicht mit einem Luxusdampfer in die Antarktis, gilt nicht. Ein Leben ohne oder gegen die Natur ist nicht möglich, Umweltzerstörung geschieht jeden Tag zu jeder Zeit auf jedem Flecken der Erde. Trojanow prangert v.a. die Ignoranz der Gesellschaft an, zweifelt aber gleichzeitig auch an seinen Möglichkeiten als Schriftsteller, hier eine Lösung anbieten zu können: ”
„Lebende Autoren hingegen, das erfuhr ich, wann immer ich die Zeitung aufschlug, sollen sich bescheiden, ein wenig anregen, ein wenig erregen, ein wenig aufregen, aber auf gar keinen Fall die Welt verändern wollen. Wie soll man noch zu Lebzeiten aufrütteln? Beschämung funktioniert nicht, da sich jeder selbst öffentlich bloßstellt, Pathos funktioniert nicht, da alles kleingeredet wird. Und Gewalt? Gewalt ist die einzige Sprache, die noch nicht von den Etiketten der Sponsoren überklebt ist.“ (S. 146)
Das Buch ist mit seinen knapp 170 Seiten, eingeteilt in 12 Kapitel, verhältnismäßig dünn. Jedem Kapitel ist eine Art „Logbuch“ angehängt, ein Sammelsurium aus wirren Schlagzeilen, Seemannsfloskeln und Funksprüchen, das eklatante Stilbrüche darstellt und den Erzählfluss stark hemmt, doch das Buch soll ja nicht nur inhaltlich, sondern auch lesetechnisch unangenehm sein.
Eine Leseempfehlung an jedermann!
Christine
Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 18,90 €, 176 Seiten, ISBN: 978-3446237575
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Christine | Keine Kommentare »
“Das Mädchen” von Angelika Klüsendorf
4.11.2011 von Krümel.
In unserer Familie bin ich manchmal schief angesehen worden, wenn ich es wagte, das Wort „Scheiße“ in den Mund zu nehmen. Entschuldigt diesen einleitenden Satz, aber ich komme gleich zum Roman. Für mich hat es nie einen Grund gegeben, dieses Wort nicht zu benutzen, wenn es einen Grund dafür gegeben hatte. Wenn der Roman von Angelika Klüssendorf mit dem Euphemismus Scheibenkleister“ begonnen hätte, wäre es ein derber Fehlstart gewesen, denn nur das Wort „Scheiße“, mit dem der Roman beginnt, kann aussagen was gemeint ist. Die Kindheit des Mädchens, das unter Verwahrlosung und Gewalt aufwächst ist „Scheiße“, und im übertragenden Sinn ist auch die DDR gemeint, obwohl Verwahrlosung in Westdeutschland und in anderen Ländern genauso möglich ist.
Zu Beginn des Romans fliegen wirklich Exkremente „durch die Luft“ und all das „landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig.“
Seit Tagen sind das 12 jährige Mädchen und der sechsjährigen Bruder Alex in der Wohnung eingeschlossen. Da die Toiletten in diesen DDR-Mietshäusern immer ein halbes Stockwerk tiefer sind, müssen sie ihre Ausscheidungen in einem Eimer sammeln. Die Wohnung verdreckt, ein halbe Müllhalde, in der offenbar noch ein Fernseher funktioniert, denn aus dem Fernseher weiß das Mädchen, wie sich Frauen vor den Männern zeigen, wie sie sich halbnackig zeigen, um ihnen zu gefallen. Mit Büstenhalter, rotem Spitzenhöschen und knallrotem Lippenstiftmund bewegt sie sich vor dem Fenster und weiß, dass die Arbeiter aus der Werkzeugfabrik, die gleich Pause haben, zu ihr hinaufschauen werden. Dieses erste Kapitel schon zeigt in bitterer Realität die Verwahrlosung unmittelbarer Umgebung des geschlossenen Raumes und die geistige Verwahrlosung, fehlgeleitete Vorstellung ihrer Identität als künftige Frau durch die sexualisierte Präsentation des weiblichen Geschlechts unkontrolliert aus der Flimmerkiste eingetrichtert (dass sie dauernd vor dem Fernseher hängt, ist nur ganz herrlich fein angedeutet). Der Vater, betrunken, meist gar nicht zu Hause schlägt seine Frau, die Mutter prügelt mit einem Ledergürtel auf das Mädchen ein, die Schwester gibt Watschen an ihren Bruder weiter. Hier ist wirklich gar nichts mehr übrig, was wir als sozial bezeichnen würden. Man mag so etwas wie soziales Chaos bezeichnen. Alles, wirklich alles, gerät aus den Fugen. Der blondgelockte Bruder ist ein Liebling der Mutter und wird in den Augen der Mutter zum bösen Bastard, wenn sie ihre brutale Gewalt an ihm auslässt. Der Verwahrlosung dieser Menschen wird der ramponierte Zustand des Hauses gegenübergestellt, meines Erachtens ein deutlicher Hinweis dafür, dass hier Verwahrlosung als Metapher die ganze DDR als ein ziemlich desolater Staat gemeint ist. Insuffizient, brüchig, kurz und gut so, wie das erste Wort des Romans. Der Text um das brüchige Haus ist ein sehr schönes Beispiel für die Lakonie des Romantextes.
>>Das Haus unterscheidet sich nicht von den anderen Häusern in der Straße, Rußflecke, Einschusslöcher aus dem Krieg, abblätternder Putz.<<
Lest nach dem ersten Kapitel weiter, wenn ihr noch Nerven dazu habt, denn der Roman ist in seiner lakonischen Art wirklich gut geschrieben. Direkt bezieht sich auf die realistische, ehrliche Darstellung der Misere und vergessen wir jeden Anflug von illusionärer DDR – Romantik. Es war ein Graus damals, nichts anderes. Als das Mädchen ins Heim kommt, erzählen ihr die anderen Mädchen von ihren grausamen Erlebnissen zu Hause. Wenn sie das hört, „erscheint ihr das eigene Schicksal weniger schlimm, die erlebten Demütigungen fast bedeutungslos.“
Es ist schon ein Wunder, dass das Mädchen in dieser Düsternis Strategien entwickelt, um der Hölle zu entkommen. Sie wird von der Mutter geschlagen, und aus Brehms Tierleben kennt sie den Goliathkäfer.
>>„Sie stellt sich vor, sie hätte seine Flügel und könnte weit weg fliegen.“<<
mArtinus
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Hardcover 18,99 €, 182 Seiten, ISBN: 978-3462042849
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“Und nehmen was kommt” von Ludwig Laher
24.10.2011 von Krümel.
Die Kindheit des Roma-Mädchens Monika ist geprägt von einem ständig betrunkenen Vater und einer völlig überforderten Mutter, Armut, Hunger, von geistiger und körperlicher Verwahrlosung und Vernachlässigung. Welche Zukunft hat ein Mädchen, dem keinerlei Bildung oder Weltgewandtheit zuteil wurden? – Eigentlich keine. Und so landet Monika im Kinderheim, macht erste Drogenerfahrungen und lässt sich durch das schnelle Geld am Straßenstrich blenden. Sie wird von einem Zuhälter zum nächsten weitergereicht, ihre Gutgläubigkeit und Naivität, ihre absolute Ahnungslosigkeit was die Dinge des Lebens anbelangt, bringen sie immer näher an den Abgrund, jeder selten auftauchende Lichtblick wird zu einer weiteren herben Enttäuschung. Alkohol und Drogen machen ihr dieses Leben zumindest ertragbar, oft sieht sie den letzten Ausweg nur noch im Suizid, doch auch diese Versuche misslingen.
Ludwig Laher, bekannt dafür, stets heikle Themen (Asylthematik in „Verfahren“ oder Behinderung in „Einleben“) in Angriff zu nehmen, erzählt fast dokumentarisch und sehr im Detail den traurigen Lebensweg der Monika und zugleich eine Gesellschaftsstudie über das Leben der Roma. Mit feiner psychologischer Klinge lässt er den Leser teilhaben an diesem fast unabwendbaren Schicksal einer eigentlich starken Frau mit viel Selbstdisziplin, die aber dem Leben nicht gewachsen ist, die den Weg aus der Schlinge einfach nicht findet und immer an die falschen Personen – meist Männer – gerät. Insgesamt ein fesselndes Buch, wenn auch an manchen Stellen zu viel erklärt, zu viel dokumentiert wird, dem Leser kaum Raum für eigene Gedanken gegeben wird und ein etwas märchenhaft anmutender Schluss den Lesegenuss etwas schmälern.
Ludwig Laher wurde Ende 1955 in Linz an der Donau geboren. Nach Volksschule und Gymnasium studierte er in Salzburg Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie, unterrichtete an einem Salzburger Gymnasium, immer wieder auch als Lehrbeauftragter an div. Universitäten. Derzeit arbeitet er parallel als Autor und Lehrer. Zuletzt erschien das Buch “Verfahren”, das es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 schaffte.
Christine
Haymon Verlag 2011, Broschur 9,95 €, 221 Seiten, ISBN: 978-3852188850
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“Big Sue” von Zora del Buono
6.10.2011 von Krümel.
Mit dem Rechercheauftrag zur Sprache westafrikanischer Einwanderer, Gullah, im Gepäck reist die Erzählerin, eine unbenannte deutsche Journalistin, die des Schreibens müde geworden ist und nun Rechercheaufträge ausführt, nach Savannah. Bereits auf dem Flug dorthin lernt sie den schweizer Kunsthistoriker Carl Fenner kennen, der einerseits den Auftrag hat, die Geschichte der Villa auf Humphrey Island und somit die der gesamten Familie aufzuschreiben, andererseits Unannehmlichkeiten in der Heimat aus dem Weg gehen will. Besagte Villa ist, in einem Sumpf liegend, seit Generationen im Besitz der Familie und auch Carl Fenner findet dort Unterkunft. Allerdings muss er mit der Beschränkung leben, die untere Etage nicht zu betreten, auch Bewohner des Hauses trifft er nicht. Nachts dringen aber Geräusche, die eindeutig sexuellen Ursprungs sind, zu ihm durch und er beobachtet das Kommen und Gehen diverser Männer. Die Familiengeschichte der Humphreys erweist sich deutlich komplexer als erwartet.
Mit „Big Sue“ legte Zora del Buono ihren zweiten Roman vor. Auf nur 192 Seiten schafft sie es, eine vielschichtige Familiengeschichte auszubreiten, die manch eine Überraschung für die Beteiligten und die Leser aufweisen kann. Dabei gelingt es ihr , die stickig-schwüle Südstaatenatmosphäre zu transportieren. So ist der Leser schnell gefangen in einem diffizilen Geflecht aus familiären Abgründen, Rache und Leidenschaft. Der Erzählstil ist gefällig und sehr gut lesbar. Sie deutet Irrationales an, das ganz rational erklärt wird. Gezielt eingesetzte Ironie, das Quäntchen Erotik und gelungene Naturbeschreibungen runden das Buch ab. Einzig die Figur des Carl Fenner blieb für mich unzugänglich, farblos, und fremd. Er weckte in mir keinerlei Emotionen, sein Schicksal blieb mir merkwürdig gleichgültig. Da dies aber in totalem Gegensatz zu der Romanhandlung steht, bin ich mir ziemlich sicher, dass dies von der Autorin so beabsichtigt war.
Mit „Big Sue“ wurde ich auf eine mir bisher unbekannte Autorin aufmerksam (gemacht), deren weiteres Schaffen ich mit Interesse verfolgen werden. Dieses atmosphärisch so dichte Buch habe ich mit viel Freude gelesen.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Zora del Buono, geboren 1962, wuchs in Zürich auf und lebt seit 1987 in Berlin. Nach ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich arbeitete sie mehrere Jahre als Architektin und Bauleiterin, bevor sie sich zu einem Berufswechsel entschloss und mit dem Schreiben begann. Sie ist Gründungsmitglied der Zeitschrift mare und betreut das Kulturressort. 2008 erschien im mareverlag ihr erster Roman Canitz Verlangen.
Heike
Mare Verlag 2010, Hardcover 18 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3866481350
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„Die Augenbliche des Herrn Faustini“ von Wolfgang Hermann
15.9.2011 von Krümel.
Kleine Alltäglichkeiten werden zum Mittelpunkt des Lebens!
Denn Herr Faustini hat sich selber verloren. Er weiß nicht mehr, wann es genau begonnen hat, aber es hat sich in seinem Inneren ein Riss aufgetan, so dass er sich selber beobachten kann. Er steht neben sich und ruht nicht mehr in sich: >>er sieht sich selbst beim Leben zu<<. Und das ist ein ganz unangenehmer Zustand! Herr Faustini sieht sich gezwungen eine Psychotherapie zu belegen.
Frau Nussbächle, seine Therapeutin, hört sich seine Sachlage sehr ernst und gewissenhaft an, doch da sie selber dringend Abwechslung braucht, schickt sie ihren Patienten auf eine Reise. Und so tippt Herr Faustini mit dem Zeigefinger auf eine Landkarte – es geht nach „Edenkoben“!
>>Würde es in einem Netzkartenleben außer der Zeit des Fahrplans noch den Augenblick geben? Die Zeit, die immerzu nachwuchs, würde sich in einem Netzkartenleben ordnungsgemäß nach Fahrplan abrollen. Aber wo würden in der sich von selbst abrollenden Zeit die Augenblicke bleiben?<<
Die Erzählung wird in einem einmalig idyllisch-ironischen Ton geschrieben, der nur manchmal etwas zur Melancholie neigt und in der Regel heiter ist.
Herr Faustini lernt auf seiner Reise den Kleinbahnliebhaber Emil kennen, tanzt auf der „Rheingold“ zur Goldhochzeit und sieht die Frau mit dem wehenden Gang …
>>Wie konnte er erwarten, dass sich für ihn, den Unruhegeist, die Parallelen im Unendlichen berühren, dass die Dinge aus der Stille zu sprechen anheben, oder vielmehr im Lärm der Dinge die große Stille wachsen würde, die alles zur Ruhe brächte?<<
Ganz zu Beginn liest der Protagonist in einem Magazin über sein Heimatsdorf „Dornbirn“, welches in Wirklichkeit ganz anders aussieht als das Hochglanz-Magazin es vortäuscht. So verhält es sich auch mit den Alltäglichkeiten, die Reise verhilft unserem Helden zu einem Blick „auf die kleinen Dinge der Welt“, was letztlich sehr heilsam wirkt …
Krümel
Haymon Verlag 2011, Hardcover 17,90 €, 135 Seiten, ISBN:978-3-85218-696-2
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