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Archiv der Kategorie Erzählung/en

“Saeculum” von Ursula Poznanski

Bastian, Medizinstudent und der Sohn eines bekannten Chirurgen, wird von seiner Freundin zu einem im Mittelalter angesiedelten Live-Rollenspiel eingeladen. Eigentlich fühlt er sich verpflichtet, seinem Studium die entsprechende Aufmerksamkeit zu widmen, aber schon um sich von seinem erfolgs- und karriereorientierten Vater abzugrenzen, sagt er zu. Erst als die Gruppe schon unterwegs ist, wird der Ort für diese Convention bekannt und ein erster Schatten fällt auf das Vorhaben. Schnell macht eine alte Sage die Runde, der zu Folge auf dem Wald ein Fluch liegen soll. Im Wald angekommen, müssen sich die Teilnehmer von den Utensilien der Gegenwart trennen, erlaubt sind nur noch Gegenstände, die es auch schon im 14. Jahrhundert gab, Handy, Feuerzeug, Brillen, Medikamente – alles ist verboten. Jeder der Teilnehmer schlüpft in eine von ihm festgelegte Rolle und die entsprechende Kleidung, damit kann das Spiel beginnen, 5 Tage werden sie nun wie in der Vergangenheit leben. Aber schon bald kommt es zu mysteriösen Vorfällen, Spieler verschwinden spurlos, immer wieder finden die Verbliebenen rätselhafte Nachrichten. Der Fluch scheint sich zu bewahrheiten, langsam kippt die Stimmung im Team und mit ernster werdender Situation zeigen die Spieler ihren wahren Charakter, das Ganze läuft aus dem Ruder.

Nach „Erebos“ war ich sehr gespannt auf den neuen Roman von Ursula Poznanski. Schon das Äußere sprach mich an. Das Cover ist ganz einfach in schwarz und weiß gehalten, der Buchschnitt ist schwarz eingefärbt. Es macht zwar einen etwas düsteren Eindruck, der passt aber ausgezeichnet zur Atmosphäre des Romans, der dunkle Wald, das Wetter, die zunehmend sich verschlechternde Stimmung der Spieler. Den Einstieg in die Handlung gestaltete die Autorin ruhig, aber stetig. Sie ließ sich Zeit ihre Figuren vorzustellen und zu positionieren. Die Charaktere wurden von der Autorin sehr vielfältig gestaltet. Es gab kaum Stereotypen. Einzig Bastian war mir ein wenig zu sehr als Sympathieträger angelegt. Aber in ihrem Handeln und Denken wirkten sie glaubhaft und lebensecht. Der Spannungsbogen wurde recht konsequent aufgebaut. Allerdings wandelte sich etwa ab der Mitte des Buches die Stimmung, das Flair vom Mittelalter konnte in der Konfliktsituation von den Spielern nicht weitergetragen werden. Aber das scheint logisch, schließlich nahmen sie an einem Spiel teil, aus dem plötzlich bitterer Ernst wurde. Mir war eigentlich die ganze Lesezeit über klar, dass es für die sich ereignenden Mysterien eine logische Erklärung gab. Deshalb überkam mich auch nicht das Gruseln und der letztendlichen Lösung kam ich in Gedanken überraschend nahe. Allerdings bin ich auch den Altersempfehlungen des Verlags etwas entwachsen und darüber hinaus geübte Thrillerleserin. Trotzdem fühlte ich mich sehr gut unterhalten und von der Autorin sehr angenehm durch die Welt des Rollenspiels geleitet. Sehr eindrucksvoll beschrieb sie neben den Empfindungen ihrer Protagonisten, auch deren Umfeld, die Natur, und die örtlichen Gegebenheiten. Als Leser konnte ich mich sehr gut in die Teilnehmer der Saeculum-Convention hineinversetzen. Dieses Jugendbuch von Ursula Poznanski war sehr angenehm und unterhaltsam und spannend zu lesen, nicht nur Jugendlichen, auch ihren interessierten Eltern und Großeltern empfehle ich es gern.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Ursula Poznanski, geboren in Wien, studierte sich einmal quer durch das Angebot der dortigen Universität, bevor sie nach zehn Jahren die Hoffnung auf einen Abschluss begrub und sich als Medizinjournalistin dem Ernst des Lebens stellte. Nach der Geburt ihres Sohnes begann sie Kinderbücher zu schreiben. Mit ihrer Familie lebt sie im Süden von Wien.

Heike

Loewe Verlag 2011, Broschur 14,95 €, 496 Seiten, ISBN: 978-3785570289

“Die Ausgewanderten” von W. G. Sebald

In vier Erzählungen, mit einer kürzeren fängt es an, die folgenden Erzählungen werden immer länger. Sebald erzählt vier jüdische Schicksale, vier Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und daran zerbrechen.

Ich freue mich, wieder etwas von Sebald zu lesen, dessen Prosastil mir außerordentlich gefällt. In der ersten Erzählung um Dr. Henry Selwyn geht Sebald in detailierte Beschreibungen, verliert sich aber nicht darin. Ich war ja immer gespannt, wann wird denn endlich über den zweiten Weltkrieg erzählt? Und dann: Gar nicht. Das ist das außerordentliche an dieser Geschichte, sie kommt ganz leise daher und endet mit einem Knall. Während des Lesens habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, warum Selwyn im Garten liegt, warum er mit dem Gewehr in die Luft schießt. Erst so ziemlich am Schluss wache ich auf: Eine Scheidung und Selwyn spricht mit Pflanzen und Tieren. Jetzt erst wird die Psychodramatik des Herrn Selwyn erahnbar. Die Heimatlosigkeit hat ihn in die Einsamkeit getrieben, ließ er sich doch auch nur selten bei seinen Gästen blicken. Als er im Gras lag, na ja, da hat er mit den Pflanzen geredet, eine fast unerträglich schmerzvolle Metapher für das Abgedriftetsein aus dem Leben. Dass die Psychodramatik so still und leise herumschleicht ist das besondere an dieser Geschichte. Amüsant für mich dagegen, im Buch ein Bild von Vladimir Nabokov als Schmetterlingsfänger zu finden, welches mir zufällig bekannt ist.

So etwas besonders gelungenes, in der deutschsprachigen Literatur zu lesen, ist sehr erfreulich.

“..so kehren sie wieder die Toten”-

indem Sebald über Emigranten erzählt, die alle durch Suizid in den Tod gegangen sind, kehren eben auch diese Toten wieder. Der Verlust von Johannes Naegli, der in den Bergen umgekommen ist, war für Herrn Selwyn wie ein Stück Heimat, welches zu Bruch gegangen ist. Nach über siebzig Jahren kehrt dieser Tote wieder in das Bewusstsein von Menschen. Bemerkenswert auch die Auswanderung aus Litauen/Riga. Selwyn glaubt, er sei in New York, dabei ist er in London angekommen; das ist ein Bild von Verlust und Wirrnis in Zeiten der Emigration, wenn man so will eine Bodenlosigkeit, ein Leben in der Schwebe.

Die Erwähnung und Abbildung des Fotos von Nabokov mit Schmetterlingsnetz ist auch Programm, denn auch Nabokov war Emigrant, zumal außerdem noch in der zweiten Erzählung die Autobiografie des Exilrussen Erwähnung bekommt.

In der zweiten Erzählung geht es um den engagierten Dorfschullehrer Paul Bereyter, dem die Nazis ein Lehrverbot erteilt hatten, obwohl er zu dreivierteln doch ein Arier war. Warscheinlich war er noch nicht mal ein Jude sondern ein Katholik, der den Katholizismus erbittert bekämpfte, vielleicht inzwischen sogar ein Atheist, kannte er doch einen atheistischen Schusterund verfasste Pamphlete gegen die alleinseligmachende Kirche. Es wird ein Judenprogrom in der Heimatstadt seines Vaters erwähnt, der letzten Ende zwei Jahre später daran aus Wut und Furcht gestorben ist, dessen Frau eine Christin war. Hier wird natürlich der brutale Unsinn der Nazis vorgeführt. Das Böse ist immer unlogisch und dumm.

Natürlich ist es riskant, die Texte mehr und mehr zu zerpflücken. Der Lesefluss, dieses dahintreiben, ist wunderbar. Alles in einem Rutsch zu lesen, wäre eine Wohltat. Diese Zeit steht mir leider nicht zur Verfügung (vielleicht später mal, zwei Tage in der Klause oder so).

Was für eine schaurige Wahl der Todesart. Freiwillig lässt sich jemand in die Psychiatrie einweisen, mit Elektroschocks behandeln, genauer gesagt, zu Grunde richten, um aus dem Leben zu scheiden. Im Text schwingt eine Psychiatriekritik der alten Schule mit. Die Elektrokrampfbehandlung, angeblich ein Segen für die Psychiatrie der fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, machte so manchen Patienten wie den Onkel des Erzählers, dem Herrn Ambrose Adelwarth, zum körperlich- und geistigen Krüppel, in unserer Geschichte vom Patienten allerdings gewollt, der, so scheint es, mit einer Fehldiagnose, also noch ein Schlag ins Gesicht der antiquierten Psychiatrieschule, in der Anstalt seinen Tod entgegenfiebert.

Bei Ambros, die gleichen Beobachtungen wie beim Dorfschullehrer Bereyter: er steht irgendwo und sein Gesicht von unendlichem Leid gekennzeichnet. Zu Beginn seiner Karriere war Ambros ein angesehener Koch in diversen Hotels in Europa/Japan. In der zweiten Erzählung wissen wir nicht, warum Bereyter wieder nach Deutschland gegangen ist, wir wissen auch nicht, was er genau im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Bei Ambros Adelwarth wird auch einiges in der Schwebe gehalten. Im Zuge der großen Auswanderungswelle zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kommt er nach Long Island, arbeite als Butler bei den Solomons, einer reichen jüdischen Bankiersfamilie. Wir wissen nicht, was für eine besondere Verbindung Ambros zu dem Solomon-Sohn Cosma hatte, nur, dass die Verbindung tragisch gewesen sein soll. Dem Vater fiel das auschweifende Leben des Sohnes, ein Leben ohne Zukunft auf, wollte dem Sohn die Geldzufuhr kappen, da beschließt Cosma, mit Ambros durch Europa zu reisen. Anhand dieser Reise macht Sebald deutlich, was für ein Riss der Welt bevorsteht. Wir befinden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. In Europa hat Cosma unverschämt viel Glück im Roulette, dass es schon entrückt und unrealistisch ist. Der Ausbruch des Krieges drängt ihn in eine erste Nervenkrise, an deren Folgen er erst viel später stirbt - Ambros, dann im Hause der Solomons wie eine entrückte einsame Gestalt seinen Dienst tut. Der Zusammenbruch der Familie Solomon als Metapher für eine zusammengebrochene Zeitepoche, die nie wieder auferstehen wird.

Auffallend ist, in dieser Erzählung erzählt nicht nur unser vertrauter Erzähler, sondern auch Onkel Kasimir und Tante Fini, auch der Psychiater Abramsky, die einiges über des Onkel Adelwarth zu sagen wissen. Es gibt hier also mehrere Ich-Erzähler, die Sebald geschickt im Text einverleibt.

Vielleicht ist ja die dritte Erzählung die schönste, obwohl es ja Unfug ist, hier noch die sog. schönste Erzählung herauszuperlen. Alle Erzählungen sind wunderbar. Sebald bleibt seinem Stil treu. Den Erzählungen liegen wahre Begebenheiten zu Grunde, diese Exilanten hat es wirklich gegeben. Ein Sebald-Lexikon klärt auch auf, wer Max Aurach war. Dieses hat mich doch erstaunt. Man könnte hier wirklich noch sehr viel entdecken. Seitdem ich “Austerlitz” gelesen habe, gehört Sebald für mich zu den großen Deutschen. Ein Platz in Walhalla gefällig?

Max Aurach ist der Maler Frank Auerbach. Aucherbachs Workaholic kommt auch in der Erzählung zur Geltung, er komme oft wochenlang nicht aus dem Haus und arbeite, wenn wir die herrliche Beschreibung von Aurachs Schaffen eines Portraits betrachten, sehr intensiv, wenn nicht verbissen:

>>Entschloß sich Aurach, nachdem er vielleicht vierzig Varianten verworfen beziehungsweise in das Papier zurückgerieben und durch weitere Entwürfe überdeckt hatte, das Bild, weniger in der Überzeugung, es fertiggestellt zu haben, als aus einem Gefühl der Ermattung, endlich aus der Hand zu geben, so hatte es für den Betrachter den Anschein, als sei es hervorgegangen aus einer langen Ahnenreihe grauer, eingeäscherter, in dem zerschundenen Papier nach wie vor herumgeisternder Gesichter.<<

Mir kommt dabei die Assoziation, hinter dem Portrait geistern Gesicher von Juden herum, die den Holocaust nicht überlebt haben. In dem oben gegebenen link zu den Werken des Malers, ist leider nicht das Schwarzweißportrait aufgeführt, welches im Buch angebildet ist, doch auch bei diesen abgebildeten Portraits hat man den Eindruck, der Maler habe diverse Vorstudien übermalt. Sebald hat wunderbar den Eindruck von Auerbachs Portraikunst charakterisiert.

mArtinus

Fischer Verlag 2002, Taschenbuch vergriffen, 368 Seiten, ISBN: 978-3596120567

„Die Maske“ von Siegfried Lenz

maske.jpgEin Erzählband mit 4 wunderbaren Geschichten!

Denn außer der letzten Erzählung „Das Interview“, die mich nicht erreichen konnte, weil sie ein wenig zu skurril konstruiert ist und der Lesefluss, der so schön mit den Vorgeschichten rhythmisch dahin floss, komplett verloren ging.

Doch die anderen Geschichten: „Rivalen“, „Die Maske“, „Die Sitzverteilung“ und „Ein Entwurf“ sind lebendige „Fiktionen“ eines älteren Autors, dessen Zeit und Leben man anhand dieser Erzählungen spüren, ja wahrnehmen kann, so plastisch sind sie transportiert. Sie zeugen von einer vergangenen Zeit (ohne Handy, Laptop und PC), in der Unterhaltung noch eine andere war, und menschliches Beisammensein und Miteinander aus heutiger Sicht, fast fremdartig erscheint. Eine tiefe Sehnsucht klingt immer mit, die allerdings beim Lesen ein wunderbares Gefühl erzeugt.

Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, zählt zu den bedeutenden und meistgelesenen Schriftsteller der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009. Der Autor lebt seit 1951 in Hamburg.

Krümel

Hoffman und Campe Verlag 2011, Hardcover €, 123 Seiten, ISBN: 978-3-455-40098-4

„Volterra/Wie entsteht Prosa“ von Franz Tumler

volterra.jpgDieses Buch besteht aus dem Werk „Volterra“ und dem Essay von Tumler „Wie entsteht Prosa“, was zunächst als Vorlesung gedacht war und später erst als Essay umgeschrieben wurde, zudem ein Nachwort von Johann Holzner.

„Volterra“ ist ein wunderbarer lyrischer Ausflug, von einem Ich-Erzähler, der etwas auszudrücken versucht, was der Unmöglichkeit entspricht, da das was er einst empfunden oder gespürt hat, kaum in die Wirklichkeit zu transportieren ist, weil es sich in einer anderen Ebene abgespielt hat.

>>Volterra: Es war Sonntagnachmittag und Herbst. Wenig Fremde im Land, da bekommt es sein eigenes Leben zurück. Erde und Himmel trocken, das Laub gelichtet, von Dürre geschrumpft, auch die Äcker abgeräumt, die Früchte geerntet.<<

Man besucht diese alte Städte, die eigentlich nur noch in Trümmern vorhanden ist, aber man sieht das Leben, das Treiben, eine Vergangenheit – seine Vergangenheit und so vermischt sich das Jetzt in Volterra mit einer anderen Sphäre. Tore öffnen sich und die Wirklichkeit beginnt zu bröckeln.
Gleichbedeutend ist es auch das Symbol des Endes, das Ende einer Ehe – der Abgrund.

>>Wir gingen zurück an das Haus, sahen den abgebröckelten Verputz, die feuchten Flecken in der Mauer, und wieder das scheinbare Leben an ihm; aber dann plötzlich dieses andere Kommen und Gehen: <<

Tumler versucht im Werk „Volterra“ etwas wiederzugeben, was er nie real erlebt hat, sondern nur empfunden – eine innere Stimme. Und der Essay „Wie entsteht Prosa“ beschreibt nun den Vorgang wie lyrische Prosa entsteht, den Weg: aus den Gedanken zu Papier gebracht. Der Hergang ist mir persönlich zu abstrakt und zu theoretisch. Konnte ich mit dem ersten Teil noch viel anfangen, da meine eigenen Gedanken in diese rätselhafte Welt hinein gezogen wurden, hat mir dieser Essay diesen Ausflug verleidet, da er versucht, es auf den Punkt zu bringen, was nicht auf den Punkt zu bringen ist.

>>Die grünen Augen der Mädchen haben es zur Zwiesprache; du sagst, es war ein Hund; aber nun ist es zu Worten schon abgeführt über dem Pflaster und dem roten Wetzen der Sonne, die sich am Bergrand reibt, ehe sie weich einsinkt. Die Katze schnurrt am Fenster, die Stimmen der Mädchen bleiben zurück, es ist Vergangenheit.<<

Franz Tumler, geboren 1912 in Gries bei Bozen/Südtirol, lebte in Linz und später in Berlin, wo er 1998 starb. Tumler zählt zu den prägenden Autoren der 1950 er und 1960 er Jahre. Seine Romane und Erzählungen wurden vielfach ausgezeichnet und gelten als Marksteiene moderner Literatur, u. a. „Der Mantel“ 1959, „Nachprüfung eines Abschieds“ 1961, „Volterra“ 1962 und „Ausschreibung aus Trient“ 1965.

Krümel

Haymon Verlag 2011, Taschenbuch 9,95 €, 87 Seiten, ISBN: 978-3-85218-886-7

“Dieda oder Das fremde Kind” von Renate Welsh

Österreich im 2. Weltkrieg. Sie war noch ein kleines Mädchen als die Mutter starb. Der Vater heiratete wieder und zu der Frau sollte sie Mutti sagen. Das umging sie ständig. Die Erinnerungen an ihre Mutti waren zu tief und sie fühlte sich schuldig an ihrem Tod. Als dann der Krieg näher kam und Bomben auch auf Wien fielen, musste die Kleine mit ihrer Stiefmutter den Vater, die geliebten Großeltern und Wien verlassen. Sie gingen in ein Dorf in den Bergen zur Familie der Frau und eigentlich hätte es sehr idyllisch sein können. Aber die Familie begegnete dem Mädchen mit Kälte und Ablehnung. Als sie ein Gespräch der Erwachsenen mitbekam, in dem sie „Die da“ genannt wurde, besteht sie energisch darauf, weiterhin Dieda genannt zu werden.
Geschichten, die eine schwierige Kindheit thematisieren, gibt es viele und doch ist diese besonders. Renate Welsh erzählt in dem sehr persönlichen Buch von ihren eigenen Kindheitserlebnissen, von Heimweh und der ungestillten Sehnsucht eines Kindes nach Menschen, die es lieben, vom Leben einer Außenseiterin. Das ist besonders bedrückend, wenn man bedenkt, das Mädchen war zu Beginn der Handlung erst fünf Jahre alt. So berichtet sie von einer Familie in der das Wort das Großvaters galt, Widerspruch wurde nicht geduldet, dafür gab es drakonische Strafen. So hatten alle Angst vor dem alten Mann, der den Führer verherrlichte und auf die „deutschen Werte“ pochte. Kinder hatten nichts zu sagen, sondern zu gehorchen. Schnell wurde er für mich dadurch zum Unsympath und ich musste mir ständig die Zeit und ihre Umstände ins Gedächtnis rufen, um die sich vor ihm duckenden Frauen zu verstehen. Die Schikanen, die die Kleine erdulden musste, reichten von Liebes- und Essensentzug hin zur Züchtigung. Briefe des geliebten Vaters wurden vorenthalten, der Kontakt zu den Großeltern unterbunden. Immer wieder wurde das Augenmerk auf das damalige Alltagsgeschehen gelenkt und Episoden daraus anschaulich für den Leser dargestellt. Renate Welsh bedient sich dabei einer sehr klaren, aber doch einfühlsamen Sprache mit der sie die Geschichte aus der Sicht der 5jährigen mit all ihrer kindlichen Naivität erzählt, die den Roman, trotz der geschilderten Bösartigkeiten dem Kind gegenüber, so liebenswert macht. Dieser Roman ist ein Jugendbuch, aber auch die Junggebliebenen finden darin eine gut lesbare und interessante Lektüre.
Ich erliege ja zur Zeit immer öfter dem Charme der Schreibweise österreichischer Schriftsteller, zu der Köhlmeier-Geiger-Haslinger-Riege gesellt sich jetzt noch Renate Welsh. Alle können sie sehr gut die Gefühle und Denkweisen ihrer Charaktere vermitteln und sich in die sie für den Leser mit Leben erfüllen. Deshalb freut es mich umso mehr wieder eine neue Autorin für mich entdeckt zu haben.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Renate Welsh, geboren 1937 in Wien, studierte Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften und schreibt seit 1970 sowohl Kinder- und Jugendbücher als auch Bücher für Erwachsene. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Wien.

Heike

Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, Großdruck, TB 8,50 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3423252539

“Wasserwelten” von Siegfried Lenz

wasserwelten.jpg>>Hier aus dem Watt, …, soll sich … der Aufbruch vollzogen haben: wer atmen konnte und all das, erhob sich eines Tages vom Meeresboden, wanderte über den amphibischen Gürtel an den Strand, wusch sich den Schlamm ab, entfachte ein Feuer und kochte Kaffee.<< (Meer und Küste)

Stimmungen der See

In dieser Geschichte treffen sich drei Männer zur Flucht. Sie haben vor mit einem Ruderboot hinaus auf´s Meer um einen Fischkutter zu treffen. Dieser Kutter soll sie über die Ostsee nach Schweden bringen, in die Freiheit, in die neue Zukunft … Aber der Fischkutter kommt nicht! - Kommt nicht – nein er ist nicht in Hörweite, geschweige Sichtweite.
Und obwohl die Männer Nordländer sind, etwas rauh und mundfaul, bringt Lenz wunderbar diese tiefe kühle Emotion rüber. Man bemerkt die völlige Anspannung der Drei, dass ihre Nerven zum Bersten sind und wie sie in ihr tragisches Schicksal treiben …

Einstein überquert die Elbe bei Hamburg

Diese Geschichte präsentiert sich wie ein Kunstwerk, Strich für Strich erahnt man langsam die Handlung, die Emotionen der Figuren, eine dichte Atmosphäre tut sich auf …

Beispielsweise so: Eine Fähre (Strich), eine Frau, (Strich), eine Frau auf der Fähre – eine schwangere Frau – eine hochschwangere Frau – auf der Fähre – die kurz vor der Geburt steht – auf der Überfahrt – wahrscheinlich gebiert sie währenddessen – doch sie will es unterdrücken. Ist das die Frau von Einstein? Kollidiert die Fähre mit einem Dampfer? … lest selber!

Ich habe die für sich stehenden Geschichten in diesem Werk allesamt gerne gelesen, doch gibt es davon nicht all zu viele. Zum größten Teil besteht das Buch aus Auszügen aus Romanen von Lenz. Und diese Bruchstücke aus ihrem Kontext gerissen standen ziemlich hilflos im freien Raum. Nach einer Weile habe ich diese überschlagen und nur noch die in sich geschlossenen Geschichten gelesen.

Krümel

Hoffmann und Campe Verlag 2010, Hardcover 22 €, 351 Seiten, ISBN: 978-3-455-40048-9

“Dat Leven is en Achterbahn” von Hermann Bärthel

Hermann Bärthel wurde 1932 in Hamburg geboren. Sein Abitur machte er an einem Abendgymnasium und studierte dann Germanistik, Anglistik und Erziehungswissenschaften. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1995 war er Lehrer am Gymnasium Hamburg-Meiendorf.

In seinen Geschichten schildert der Autor in humorvoller Art den Alltag seiner Mitmenschen. Dabei trifft er fast jedes Mal den Kern der Dinge punktgenau. In diesem vorliegenden Buch beschreibt er den Alltag, der von der Werbung und den Klischees in der Werbung beherrscht wird. Er schnallt die Werbung auf den Prüfstand und hat sie dabei so fest an den Balken geschnürt, dass die Werbung ihm nicht durch die Lappen gehen kann. Sie – die Werbung – muss sich mehr oder weniger hilflos gefallen lassen wie ihr in bestem Hamburger Platt ordentlich die Leviten gelesen werden. Ein hinreißendes Buch, zum Schmunzeln – aber auch diese durchweg heiteren Episoden laden zum Nachdenken ein.

Da es sich um ein Buch in Plattdeutscher Sprache handelt wäre es doch mal etwas anderes , wenn man das Wesentliche dieser Buchvorstellung auch in Hamburger Platt schreibt:

In sine Geschicht vertellt us de Schriever in sin humorige Art und Wiis wat da weer mit de Alltag von de anner Lüüd. He sächt wat los weer in de Welt vun de Werbung un wat se us as den Wohrheid vertellen. He hädd da all so utklamüstert as dat weer. Dor blivt nichts voor den Dör. Een Book dat Sposs mogt, da aver oak son beeten ton nodenken anregen deit. Een Book nich nur för den Hamburgers, een Book för all den Lüüd die se mogt, die plattdütsche Sprock.

Ein kleiner Spass mehr nicht. Ich spreche zwar Platt, kenne mich aber in der plattdeutschen Schreibweise nur sehr unzureichend aus. In jedem Falle eignen sich die Geschichten von Hermann Bärthel auch sehr gut zum vorlesen.

Hermann Bärtel wurde insbesondere auch bekannt durch die plattdeutsche Hörfunksendung „Hör mol beten to“.

Für alle, die die plattdeutsche Sprache mögen ganz sicher ein schönes Leseerlebnis.

Jan

Quickborn Verlag 2008, Taschenbuch 8,80 €, 158 Seiten, ISBN: 978-3876513324

„Sommernacht“ Erzählungen von Elizabeth Bowen

sommernacht.jpgDas neue Haus

Diese Short Story wird in Dialogform transportiert. Wortführend ist zunächst die männliche Seite, der Bruder, und der Leser seine Sicht vorgetragen bekommt: Seine Schwester ist altbacken, für eine Heirat zu alt geworden, eine alte Jungfer eben, vielleicht etwas dümmlich und nicht gerade das, was sich eben ein Mann unter eine gute Partie oder Frau vorstellt. Aus diesem Grund redet er auch betont überheblich, mit einem gönnerhaften Lächeln im Gesicht. Ihre Zukunft sieht er in dem gerade neu bezogenem Haus, an seiner Seite, in der gewohnten Zweier-Gemeinschaft.
Dann übernimmt ganz überraschend die Schwester das Zepter des Gesprächs an sich …

Nur wenige Seiten ist diese Geschichte lang, aber mit so viel Atmosphäre und Dichte, von der so mancher Roman träumt. Und die Pointe vom Feinsten!

Was Menschen Übles tun

Dies ist eine sehr raffinierte Geschichte, deren Plott ich nicht vorweg nehmen möchte. Bowen zeichnet hier geschickt eine Charaktere einer einsamen Frau, setzt damit wieder eine tiefe Atmosphäre, in der der Leser richtig hinein gezogen wird … Doch Achtung, eine Short Story ist erst eine gute Short Story, wenn da ein guter überraschender Wendepunkt kommt ;-) Klasse Geschichte!

Es gab aber auch Erzählungen, die mir nicht so gut gefielen, beispielsweise „Charity“. In dieser Geschichte gibt es zwar einzelne Stimmungen, aber letztendlich sind sie nicht ausgereift. Es fehlt nicht an Fülle aber an Stimmigkeit. Mir schien es gerade bei dieser Geschichte, dass hier die Kürze nicht das richtige Maß für die Dichte des zu Erzählenden gewesen ist. Wäre ein ganzer Roman daraus entstanden, die vielen Figuren mit stichfesten Empfinden beschrieben … Mir fehlte dabei einfach das Runde, das Abgeschlossene.

Die Thematik der Geschichten kreisten alle um Konventionen, deren Überschreitungen oder Anpassungen. Insgesamt hat mich dieses Buch erreicht, und mir deutlich gemacht, dass ich von der Autorin noch einige Dinge lesen wollte und lesen werde.

Elizabeth Bowen wurde 1899 in Dublin geboren. Sie studierte nach dem I. Weltkrieg in London Kunst und veröffentlichte 1923 ihren ersten Erzählband. Insgesamt veröffentlichte sie 27 Bücher, wobei „Der letzte September“ von 1929 aber erst 2001 ins Deutsche übersetzt wurde. Ihr letzter Roman erschien 1968. 1973 verstarb die Autorin in England.

Krümel

Schöffling & Co. Verlag 2007, Übersetzung: Sigrid Ruschmeier mit einem Nachwort von Elsemarie Maletzke, Hardcover , 252 Seiten, ISBN: 978-389561-245-9

“Theo. Antworten aus dem Kinderzimmer” von Daniel Glattauer

Theo hats gut. Theo hat einen Onkel, der Journalist ist und Daniel Glattauer heißt und im Jahr 1994, als Theo geboren wurde, Kolumnen für eine österreichische Tageszeitung schrieb. Daniel Glattauer war beeindruckt von diesem so kleinen und doch so perfekten Lebewesen („Er lag im Brutkasten, maß 47,5 Zentimeter Länge und behauptete 2570 Gramm Körpergewicht. Neugeborener ging es nicht. Er war seiner geplanten Gegenwärtigkeit im Lichte der Welt stolze dreißig Tage voraus. Ein Vorsprung, den er bis heute nicht eingebüßt hat.“) Glattauer beschließt, das Heranwachsen seines Neffen publizistisch zu begleiten, herausgekommen sind regelmäßige Kolumnen über den heranwachsenden Jungen bis zu einem Alter von 14 Jahren oder eben bis 2008, die nun in diesem vorliegenden Buch gesammelt nachzulesen sind.
Daniel Glattauer hat gut beobachtet und erzählt liebevoll und ausführlich über Theos Leidenschaft für Autos und fürs Einkaufen, Urlaube am Meer, Begegnungen mit Erwachsenen, die der kleine Kerl ganz schön auf Trab hält. Die schulischen Erfolge finden ebenso Niederschlag wie die Haustiere, die er hält und seine Karriere am Fußballplatz. Die ersten 3 Lebensjahre werden fast lückenlos und in kurzen zeitlichen Abständen beschrieben, während die restlichen 11 Jahre rückblickend in einem jährlichen Bericht festgehalten werden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Buch – häppchenweise genossen (oder eben in regelmäßigen Kolumnen) - ein netter und kurzweiliger Begleiter ist. Ich habe es (leider?) in einem gelesen und habe mich nach einigen Kapiteln „abgelesen“. Glattauer erzählt nichts Neues und fand ich seine Glossen nur bedingt witzig. Aber vielleicht bin ich nach bzw. mitten in der Erziehung von 3 Kindern derart hartgesotten und abgebrüht, dass mich seine neckischen Kinderantworten, philosophischen Abgründe und kindliche Logik nicht mehr begeistern können? Sei es wie es sei, als Geschenk für werdende Eltern allemal geeignet, aber die Erziehung und das Leben mit Kindern ist im „wirklichen Leben“ spannender, interessanter, kurzweiliger und meistens auch lustiger! Einen Vorteil aber hat das Buch: Man kann es zuklappen, ganz hinten ins Regals stellen, oder sogar verkaufen oder verschenken.

Christine

Deuticke Verlag 2010, Hardcover 14,90 €, 268 Seiten, ISBN: 978-3552061408

“Der Besuch der alten Dame” von Friedrich Dürrenmatt

Eine Stadt im Bankrott erwartet Besuch eines Stadtkindes, das es zu Ruhm und viel Geld gebracht hat. Sie ist die einzige Rettung für die Stadt und deshalb wird sie auf Händen getragen. Und sie ist tatsächlich bereit, Geld zu investieren, eine halbe Milliarde für die Stadt und eine halbe Milliarde verteilt unter den Familien der Stadt… unter einer Bedingung: Ihr soll damaliges Unrecht widerfahren sein und fordert nun Gerechtigkeit, indem man den Schuldigen tötet.
Die Ausgangssituation wurde blendend ausgedacht. Wie verhalten sich die Bewohner nun, in Erwartung des Reichtums. Sind sie des Mordes fähig? Ein Spiel um die Moral und Ethik in der Gesellschaft. Kann man einen Menschen umbringen um 100 vor dem Elend zu retten? Nun, die Lösung ist um so vieles einfacher. Und die Idee wird selbst heute noch sehr erfolgreich angewendet. Eine simple Umformulierung der Fakten, eine Verlagerung der Umstände…

Die Geschichte wurde als Bühnenstück konzipiert, später ein wenig umgeändert, aber doch sehr flüssig lesbar. Das Stück ähnelt einem Musical, mit Refrain, Chor und Musik geformt aus Kirchturmbimmeln und Eisenbahngeräuschen.
Ein interessantes Buch, auch wenn ich gerne die Geschichte des Danach gelesen hätte, ab jenem Zeitpunkt, wo das Geld geflossen ist. Wer treibt die Wirtschaft an, wenn doch jeder genug hat? Wie würde sich eine Stadt im Reichtum verhalten? Wer ginge denn noch arbeiten? Insgesamt sehr lesenswert.

Patrick

Diogenes Verlag 1999, (Neufassung 1980), Taschenbuch 8,90 €, 155 Seiten, ISBN: 978-3257230451