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“Gegen alle Zeit” von Tom Finnek
14.2.2012 von Krümel.
Nach der Premierenfeier der „Bettleroper“ wird Henry Ingram mit einem unvorstellbaren Kater wach – und um fast 300 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Er erwacht in einem stinkenden Keller in der illustren Gesellschaft von Dieben, Gaunern und Huren im London des Jahres 1724 als Captain Machead. Gemeinsam mit ihnen erlebt er spannende Abenteuer. Dabei kommt auch Henry selbst über kurz oder lang mit dem Gesetz in Konflikt und wird zum gesuchten Verbrecher.
Bisher ernteten Zeitreiseromane nie viel Lob von mir, um ehrlich zu ist sein, ich habe noch nie einen beendet. So griff ich ein wenig skeptisch zu dem neuen historischen Roman Tom Finneks. Meine Zweifel erwiesen sich jedoch als haltlos. „Gegen alle Zeit“ ein Abenteuerroman, eine Gaunergeschichte, ein Zeitreiseroman, aber vor allem ein sehr gut geschriebener historischer Roman. Als Leser konnte man das Gefühl bekommen, der Autor hat selbst so einen Zeitensprung hinter sich, so detailliert und bildhaft schildert er das alte London, mit all seinen Einwohnern, Gerüchen und Geräuschen. Mit dem Finger auf dem im Buch enthaltenen Stadtplan Londons wusste ich mich schnell in der Stadt zu orientieren und konnte den Protagonisten auf ihren Wegen folgen. Sehr gelungen waren auch die von Henry Ingram gezogenen Vergleiche vom heutigen und damaligen Aussehen der Stadt. Der Autor zeichnet mit seiner Geschichte ein hervorragendes Panorama Londons im frühen 18. Jahrhundert.
„Gegen alle Zeit“ ist keine Fortsetzung von Finneks knapp 60 Jahre vorher spielenden Roman „Unter der Asche“, aber manch Bekannter begegnet dem Leser auch in diesem Buch und die eine oder andere Begebenheit des Vorgängerromans kommt auch in diesem zur Sprache. Die Protagonisten des Romans gehören nicht zur Oberschicht. Es sind die kleinen Ganoven, Diebe, Betrüger und Huren, die dem Roman das menschliche Kolorit verleihen. Sie alle sind Persönlichkeiten mit Eigenheiten, Stärken und Schwächen, aber auf ihre ganz besondere Art doch liebenswert. Wie ein roter Faden zieht sich die Bettleroper von John Gay durch diesen Roman. Deren Figuren sind es, denen Tom Finnek mit seinem Roman Leben eingehaucht hat. Das Buch ist sehr flüssig zu lesen, die Sprache ist sehr angenehm und der Zeit angepasst. Leider mag man das Buch kaum aus der Hand legen und ist so viel zu schnell auf der letzten Seiten angelangt. Ein ausführlicher Epilog tröstet über das fehlende Nachwort ein wenig hinweg. Darin wird deutlich, welche Figuren der Fantasie des Autors entspringen und welche einen realen Hintergrund haben.
Auch vom optischen Aspekt ist dieses Buch etwas Besonderes, ein wahrer Hingucker. Der zur Handlung passende Schutzumschlag, der enthaltene Stadtplan, das Lesebändchen und nicht zuletzt die wunderschönen Illustrationen von Tina Dreher vor jedem neuen Teil und Kapitel runden den äußerst positiven Leseeindruck ab.
Mein Fazit: „Gegen alle Zeit“ ist ein farbenprächtiger und detailreicher Schmöker, im positivsten Sinne des Wortes. Man taucht als Leser ab in die damalige Zeit und ist bei der Rückkehr in die Gegenwart traurig, das Henry, Bess, Blueskin und all die anderen in ihrer Welt geblieben sind. Ich wünsche diesem Roman viele begeisterte Leser.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin. Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist. Weitere Informationen: www.tomfinnek.de
Heike
Bastei Lübbe Verlag 2011, Illustrator: Tina Dreher, Hardcover 19,99 €, 541 Seiten, ISBN: 978-3431038439
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“Saeculum” von Ursula Poznanski
24.1.2012 von Krümel.
Bastian, Medizinstudent und der Sohn eines bekannten Chirurgen, wird von seiner Freundin zu einem im Mittelalter angesiedelten Live-Rollenspiel eingeladen. Eigentlich fühlt er sich verpflichtet, seinem Studium die entsprechende Aufmerksamkeit zu widmen, aber schon um sich von seinem erfolgs- und karriereorientierten Vater abzugrenzen, sagt er zu. Erst als die Gruppe schon unterwegs ist, wird der Ort für diese Convention bekannt und ein erster Schatten fällt auf das Vorhaben. Schnell macht eine alte Sage die Runde, der zu Folge auf dem Wald ein Fluch liegen soll. Im Wald angekommen, müssen sich die Teilnehmer von den Utensilien der Gegenwart trennen, erlaubt sind nur noch Gegenstände, die es auch schon im 14. Jahrhundert gab, Handy, Feuerzeug, Brillen, Medikamente – alles ist verboten. Jeder der Teilnehmer schlüpft in eine von ihm festgelegte Rolle und die entsprechende Kleidung, damit kann das Spiel beginnen, 5 Tage werden sie nun wie in der Vergangenheit leben. Aber schon bald kommt es zu mysteriösen Vorfällen, Spieler verschwinden spurlos, immer wieder finden die Verbliebenen rätselhafte Nachrichten. Der Fluch scheint sich zu bewahrheiten, langsam kippt die Stimmung im Team und mit ernster werdender Situation zeigen die Spieler ihren wahren Charakter, das Ganze läuft aus dem Ruder.
Nach „Erebos“ war ich sehr gespannt auf den neuen Roman von Ursula Poznanski. Schon das Äußere sprach mich an. Das Cover ist ganz einfach in schwarz und weiß gehalten, der Buchschnitt ist schwarz eingefärbt. Es macht zwar einen etwas düsteren Eindruck, der passt aber ausgezeichnet zur Atmosphäre des Romans, der dunkle Wald, das Wetter, die zunehmend sich verschlechternde Stimmung der Spieler. Den Einstieg in die Handlung gestaltete die Autorin ruhig, aber stetig. Sie ließ sich Zeit ihre Figuren vorzustellen und zu positionieren. Die Charaktere wurden von der Autorin sehr vielfältig gestaltet. Es gab kaum Stereotypen. Einzig Bastian war mir ein wenig zu sehr als Sympathieträger angelegt. Aber in ihrem Handeln und Denken wirkten sie glaubhaft und lebensecht. Der Spannungsbogen wurde recht konsequent aufgebaut. Allerdings wandelte sich etwa ab der Mitte des Buches die Stimmung, das Flair vom Mittelalter konnte in der Konfliktsituation von den Spielern nicht weitergetragen werden. Aber das scheint logisch, schließlich nahmen sie an einem Spiel teil, aus dem plötzlich bitterer Ernst wurde. Mir war eigentlich die ganze Lesezeit über klar, dass es für die sich ereignenden Mysterien eine logische Erklärung gab. Deshalb überkam mich auch nicht das Gruseln und der letztendlichen Lösung kam ich in Gedanken überraschend nahe. Allerdings bin ich auch den Altersempfehlungen des Verlags etwas entwachsen und darüber hinaus geübte Thrillerleserin. Trotzdem fühlte ich mich sehr gut unterhalten und von der Autorin sehr angenehm durch die Welt des Rollenspiels geleitet. Sehr eindrucksvoll beschrieb sie neben den Empfindungen ihrer Protagonisten, auch deren Umfeld, die Natur, und die örtlichen Gegebenheiten. Als Leser konnte ich mich sehr gut in die Teilnehmer der Saeculum-Convention hineinversetzen. Dieses Jugendbuch von Ursula Poznanski war sehr angenehm und unterhaltsam und spannend zu lesen, nicht nur Jugendlichen, auch ihren interessierten Eltern und Großeltern empfehle ich es gern.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Ursula Poznanski, geboren in Wien, studierte sich einmal quer durch das Angebot der dortigen Universität, bevor sie nach zehn Jahren die Hoffnung auf einen Abschluss begrub und sich als Medizinjournalistin dem Ernst des Lebens stellte. Nach der Geburt ihres Sohnes begann sie Kinderbücher zu schreiben. Mit ihrer Familie lebt sie im Süden von Wien.
Heike
Loewe Verlag 2011, Broschur 14,95 €, 496 Seiten, ISBN: 978-3785570289
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“Der Fall Dreyfus” von Louis Begley
5.1.2012 von Krümel.
Nach den Romanen von Louis Begley griff in nun zu diesem Essay. Darin stellt Louis Begley die Affäre um den wegen Landesverrat verurteilten und auf die Teufelsinsel verbannten französischen Juden Alfred Dreyfus den Vorgängen von Guantánamo gegenüber. Dabei deckt er Analogien auf, die man auf Anhieb nicht für möglich hält, trennen diese beiden Geschehnisse doch gut 100 Jahre. Aber Rechtsbeugung, Manipulation von Beweisen und weil nur sein kann, was auch sein darf ist die Wahrheitsfindung in beiden Fällen nicht vorurteilsfrei, die Folgen für die Betroffenen waren und sind jeweils unmenschliche Haftbedingungen. Begley beleuchtet die Dreyfus-Affäre wesentlich ausführlicher als das aktuelle Geschehen. Er sucht die Ursachen für Dreyfus’ Verurteilung bereits im deutsch-französischen Krieg von 1871 und analysiert den zunächst latenten, aber immer stärker werdenden Antisemitismus im Frankreich der damaligen Zeit. Louis Begley greift bei seinem Buch auf seine unfangreichen juristischen Erfahrungen und Kenntnisse zurück. Zwischen dem Schriftsteller und dem Rechtsanwalt kommt es zur fruchtbaren Symbiose. Das schlägt sich besonders in der guten Lesbarkeit und der aufgebauten Spannung dieses doch komplizierten Falles nieder. Die schier unübersichtliche Anzahl von Fakten, Beweisen und Originalzitaten werden durch den gelungenen populärwissenschaftlichen Stil leichter verdaulich. Im Vorwort seines in Buchform erschienenen Essays wird die Hoffnung deutlich, die er in die Präsidentschaft Barak Obamas setzt. Eine aktuelle Einschätzung der Lage im Lager Guantánamo durch Louis Begley würde mich schon sehr interessieren. Dieses Buch kann ich allen Politikinteressieren guten Gewissens empfehlen.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 unter dem Namen Ludwik Begleiter als Sohn polnischer Juden in einer kleinen Stadt im Osten Polens (heute Ukraine) geboren. Er selbst und seine Mutter entgingen, als katholische Polen getarnt, dem Holocaust. Nach dem Ende des Krieges kam die Familie wieder zusammen. Vier Monate blieben sie in Paris, wo Vater und Sohn Englisch lernten. Im März 1947 siedelte die Familie Begleiter in die USA über und ließ sich in Flatbush/Brooklyn nieder, wo sie den Namen Begley annahm.1950 erhielt Louis Begley ein Harvard-College-Stipendium und wurde damit zum Harvard College zugelassen; 1954 legte er sein Examen in Englischer Literatur ab. Von 1956 bis 1959 studierte er an der Harvard Law School und arbeitete im Anschluss bis zum Jahr 2004 als Anwalt in der Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ende der sechziger Jahre arbeitete er bei der französischen Niederlassung von Debevoise in Paris. 1991 legte Louis Begley seinen ersten Roman vor: Wartime Lies, (Lügen in Zeiten des Krieges), New York 1991 - Suhrkamp 1994. Er gilt als ein wichtiges Dokument der literarischen Erinnerung an den Holocaust. Louis Begley lebt in New York.
Heike
Suhrkamp Verlag 2009, Übersetzung: Christa Krüger, Hardcover 19,80 €, 247 Seiten, ISBN: 978-3518420621
Geschrieben in Sachbuch, Heike | Keine Kommentare »
“Torso” von Wolfram Fleischhauer
3.1.2012 von Krümel.
In einem Abrisshaus im Osten von Berlin findet die Polizei einen grausig mit Tierteilen dekorierten zur Schau gestellten Frauentorso. Hauptkommissar Zollanger hat so etwas in seiner langjährigen Laufbahn als Kripo-Beamter, sowohl in der ehemaligen DDR als auch im vereinten Deutschland, noch nicht gesehen. Während er mitten in den Ermittlungen steckt, kämpft Elin Hilger darum, die Ermittlungen um den als Selbstmord abgetanen Tod ihres Bruders Eric, er war IT-Spezialist, wieder aufrollen zu lassen. Dazu braucht sie Zellangers Unterstützung, er war mit diesem Fall betraut. Gleichzeitig verschwindet die Bankierstochter Inga Zieten, deren Vater unter allen Umständen die Polizei aus den Ermittlungen heraushalten will.
Wolfram Fleischhauers Genre-Palette ist weit gefächert. Mit „Torso“ gab er sein Debüt als Thriller-Autor. Mit viel Thrill begann er auch die Handlung, die um das Jahr 2002 in Berlin angesiedelt ist. Die Beschreibung des makaber in Szene gesetzten Torsos ist sicher nichts für Zartbesaitete und Leser mit schwachen Nerven, sie ist ungeschönt, grauenhaft und dabei sehr gut vorstellbar. Dann baut er um die drei Handlungsstränge eine intelligent konstruierte, vielschichtige und gleichzeitig komplexe Geschichte auf. So werden Machenschaften in der Finanzwelt, Korruption, organisiertes Verbrechen, Stasivergangenheit thematisiert, ohne den Thriller damit zu überladen. Im Mittelpunkt von „Torso“ steht nicht wie üblich die Ermittlungsarbeit der Polizei, sie wird zwar nie aus dem Auge verloren, es geht aber um mehr, es geht um Moral, Ethik und Verantwortung. So ist auch die auf den ersten Blick recht skurril erscheinende Elin Hilger für diesen Roman in ihrer Andersartigkeit ein Glücksgriff. Weitgehende Konsumverweigerung steht konträr zu der Skrupellosigkeit und der maßlosen Gier der Banker. Auch an anderen Stellen kommt Fleischhauer in seinem Thriller – ungewohnt für dieses Genre, aber deshalb um so bemerkenswerter – ins Philosophieren. Die Charakterisierung der Personen fand ich sehr gelungen. Alle wirkten in ihrem Auftreten ehrlich, echt und glaubwürdig, wenn auch mitunter kauzig, sonderbar und bizarr. Ein wenig vermisst habe ich diesem Thriller den von mir so geschätzten ausgefeilten Sprachstil des Autors, das ist aber wohl eher dem Genre anzulasten als der Schreibkunst Wolfram Fleischhauers. Mich hat dieser Thriller, einschließlich des Nachwortes, sehr gut unterhalten. Lediglich das Ende fand ich etwas zu konstruiert und auch etwas zu schnell herbeigeführt. Nicht alle Fragen wurden direkt geklärt, aber da sei es der Fantasie des Lesers überlassen, die eigenen Schlüsse zu ziehen.
Über den Autor (Quelle amazon.de)
Wolfram Fleischhauer, geboren 1961 in Karlsruhe, ist einer der wenigen deutschen Autoren, denen es gelingt, Anspruch und Spannung für ein großes Publikum zu verbinden. Nach vier Romanen über die Künste (”Die Purpurlinie”, “Die Frau mit den Regenhänden”, “Drei Minuten mit der Wirklichkeit”, “Das Buch, in dem die Welt verschwand”), dem Familienroman “Die Inderin” und dem Universitätsroman “Der gestohlene Abend” ist “Torso” sein erster literarischer Thriller. Mehr Informationen zum Autor unter: http://www.wolfram-fleischhauer.de
Heike
Droemer Verlag 2011, Hardcover 19,99 €, 432 Seiten, ISBN: 978-3426198537
Geschrieben in Krimi/Thriller, Heike | 1 Kommentar »
“Katzenberge” von Sabrina Janesch
25.11.2011 von Krümel.
Nele Leipert, eine junge, in Berlin lebende Journalistin, hat ihre familiären Wurzel im Oberschlesischen. Als sie die Nachricht vom Tod ihres geliebten Großvaters erhielt, führ sich nach Polen zu dessen Beerdigung. Schnell kommen Fragen nach dessen Vergangenheit auf und so beschloss Nele, weiter Richtung Osten zu reisen, in die Ukraine, dem ehemaligen Galizien. Von dort wurde die Familie nach dem 2. Weltkrieg nach Polen vertrieben.
Sabrina Janesch legt mit „Katzenberge“ einen beachtenswerten Debütroman vor. Sie erzählt einerseits die Geschichte der Nele Leipert, die sich selbst als in Deutschland angekommen betrachtet, von den Deutschen und den Polen jedoch immer der anderen Seite zugeordnet fühlt. Viele der beiderseitig gängigen Vorurteile werden bedient und mit den dazugehörigen Klischees ad absurdum geführt. Die Autorin erzählt aber gleichzeitig die Lebensgeschichte von Neles Großvater. Mit Neles Reise ins frühere Galizien lichten sich nach und nach die Schleier, die über dessen Vergangenheit lagen. Durch die gekonnten Beschreibungen fühlt man sich als Leser schnell in die harte Nachkriegszeit hineinversetzt. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, dass die verschiedenen Zeiten ineinander verlaufen, ebenso wie die Grenzen zwischen Realem und Mystischem. Diese etwas rätselhaften Elemente haben mich überhaupt nicht gestört, sie stehen für sich und sind nach der Lektüre des Buches selbsterklärend.
Der Roman ist wegen der angenehmen Sprache und der unterschwelligen Ironie sehr gut und flüssig zu lesen. Er besitzt eine ganz eigene Spannung, die es einem schwer machte, das Buch zur Seite zu legen. Die Charaktere sind lebensnah, wenn auch nicht alle bis zur letzten Konsequenz für mich greifbar waren.
Nicht anfreunden konnte ich mich mit den immer wieder im Buch vorkommenden polnischen Redewendungen und Floskeln. Auch ohne diese wären ihm weder Glaubwürdigkeit noch Authentizität verlorengegangen.
„Katzenberge“ ist eine sehr schöne Reise in die Vergangenheit, in dieser Richtung wird die Geschichte erzählt. Schuld, Vertreibung, ein Familienfluch und die große Liebe einer Enkelin zu ihrem verstorbenen, geheimnisvollen Großvater sind die tragenden Pfeiler in diesem Roman, den ich mit viel Freude gelesen habe und gern anderen Lesern empfehle.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Sabrina Janesch studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, außerdem Polonistik in Krakau. U. a. Gewinnerin des O-Ton Literaturwettbewerbes des NDR, Stipendiatin des Schriftstellerhauses Stuttgart und des LCB. Sie war erste Stadtschreiberin von Danzig und erntete dabei viel Medienaufmerksamkeit. Zurzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. http://www.sabrinajanesch.de
Heike
Aufbau Verlag 2010, Hardcover 19,95 €, 273 Seiten, ISBN: 978-3351033194
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Heike | Keine Kommentare »
“Big Sue” von Zora del Buono
6.10.2011 von Krümel.
Mit dem Rechercheauftrag zur Sprache westafrikanischer Einwanderer, Gullah, im Gepäck reist die Erzählerin, eine unbenannte deutsche Journalistin, die des Schreibens müde geworden ist und nun Rechercheaufträge ausführt, nach Savannah. Bereits auf dem Flug dorthin lernt sie den schweizer Kunsthistoriker Carl Fenner kennen, der einerseits den Auftrag hat, die Geschichte der Villa auf Humphrey Island und somit die der gesamten Familie aufzuschreiben, andererseits Unannehmlichkeiten in der Heimat aus dem Weg gehen will. Besagte Villa ist, in einem Sumpf liegend, seit Generationen im Besitz der Familie und auch Carl Fenner findet dort Unterkunft. Allerdings muss er mit der Beschränkung leben, die untere Etage nicht zu betreten, auch Bewohner des Hauses trifft er nicht. Nachts dringen aber Geräusche, die eindeutig sexuellen Ursprungs sind, zu ihm durch und er beobachtet das Kommen und Gehen diverser Männer. Die Familiengeschichte der Humphreys erweist sich deutlich komplexer als erwartet.
Mit „Big Sue“ legte Zora del Buono ihren zweiten Roman vor. Auf nur 192 Seiten schafft sie es, eine vielschichtige Familiengeschichte auszubreiten, die manch eine Überraschung für die Beteiligten und die Leser aufweisen kann. Dabei gelingt es ihr , die stickig-schwüle Südstaatenatmosphäre zu transportieren. So ist der Leser schnell gefangen in einem diffizilen Geflecht aus familiären Abgründen, Rache und Leidenschaft. Der Erzählstil ist gefällig und sehr gut lesbar. Sie deutet Irrationales an, das ganz rational erklärt wird. Gezielt eingesetzte Ironie, das Quäntchen Erotik und gelungene Naturbeschreibungen runden das Buch ab. Einzig die Figur des Carl Fenner blieb für mich unzugänglich, farblos, und fremd. Er weckte in mir keinerlei Emotionen, sein Schicksal blieb mir merkwürdig gleichgültig. Da dies aber in totalem Gegensatz zu der Romanhandlung steht, bin ich mir ziemlich sicher, dass dies von der Autorin so beabsichtigt war.
Mit „Big Sue“ wurde ich auf eine mir bisher unbekannte Autorin aufmerksam (gemacht), deren weiteres Schaffen ich mit Interesse verfolgen werden. Dieses atmosphärisch so dichte Buch habe ich mit viel Freude gelesen.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Zora del Buono, geboren 1962, wuchs in Zürich auf und lebt seit 1987 in Berlin. Nach ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich arbeitete sie mehrere Jahre als Architektin und Bauleiterin, bevor sie sich zu einem Berufswechsel entschloss und mit dem Schreiben begann. Sie ist Gründungsmitglied der Zeitschrift mare und betreut das Kulturressort. 2008 erschien im mareverlag ihr erster Roman Canitz Verlangen.
Heike
Mare Verlag 2010, Hardcover 18 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3866481350
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“Kapitän Nemos Bibliothek” von Per Olov Enquist
23.8.2011 von Krümel.
„Kapitän Nemos Bibliothek“ ist die Geschichte zweier Jungen, die nach der Geburt vertauscht wurden und Jahre später aus ihren Familien herausgerissen wurden, damit das Versehen rückgängig gemacht wurde.
Aus Erinnerungsfetzen aneinandergereiht, so setzt sich, je weiter man sich durch dieses Buch liest, Puzzleteil mit Puzzleteil zusammen und erst am Ende des Romans ergibt sich ein (fast) vollständiges Bild. Zu Beginn haderte ich etwas mit dieser Erzählweise, weil ich zu schnell viel mehr erfahren wollte. Man musste sich bewusst auf diesen Stil einlassen und seinen Gedanken Zeit geben. Im Nachhinein betrachtet finde ich diese fragmentarische Erzählweise genial, spiegelt sie doch nicht zuletzt die innere Zerrissenheit des Erzählers auch Jahre nach dem Rücktausch wider.
Immer wieder flüchtet sich der Ich-Erzähler in seine Suche nach Gott und in seine Fantasiewelt, die Bibliothek von Jules Vernes Kapitän Nemo, weil er sonst das Leben nicht aushalten würde.
Der gesamte Roman war durch eine äußerst bedrückende Atmosphäre gekennzeichnet. Es war kein bisschen Frohsinn oder Hoffnung darin zu finden. Das machte es mir auch schwer eine gewisse Lesefreude zu entwickeln, zumal dieses unendlich traurige, auf mich sehr intensiv und verstörend wirkende Buch seine geballte Wirkung auch erst nach der Lektüre entfaltet. Es hat mich lange, nachdem ich es zurück ins Regal gestellt habe, noch sehr bewegt und wird keineswegs das letzte Buch des Autors gewesen sein, dem ich meine Aufmerksamkeit schenken werde.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Per Olov Enquist, geboren 1934 in Nord-Schweden, lebt in Stockholm. Er arbeitete als Theater- und Literaturkritiker und zählt heute zu den bedeutendsten Autoren Europas. Für seinen international erfolgreichen Roman “Der Besuch des Leibarztes” (Bd. 15404) wurde er in Leipzig mit dem Deutschen Bücherpreis 2002 ausgezeichnet.
Heike
S. Fischer Verlag 2007, Übersetzung: Wolfgang Butt, Taschenbuch 9,95 €, 236 Seiten, ISBN: 978-3596176366
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“Dieda oder Das fremde Kind” von Renate Welsh
18.8.2011 von Krümel.
Österreich im 2. Weltkrieg. Sie war noch ein kleines Mädchen als die Mutter starb. Der Vater heiratete wieder und zu der Frau sollte sie Mutti sagen. Das umging sie ständig. Die Erinnerungen an ihre Mutti waren zu tief und sie fühlte sich schuldig an ihrem Tod. Als dann der Krieg näher kam und Bomben auch auf Wien fielen, musste die Kleine mit ihrer Stiefmutter den Vater, die geliebten Großeltern und Wien verlassen. Sie gingen in ein Dorf in den Bergen zur Familie der Frau und eigentlich hätte es sehr idyllisch sein können. Aber die Familie begegnete dem Mädchen mit Kälte und Ablehnung. Als sie ein Gespräch der Erwachsenen mitbekam, in dem sie „Die da“ genannt wurde, besteht sie energisch darauf, weiterhin Dieda genannt zu werden.
Geschichten, die eine schwierige Kindheit thematisieren, gibt es viele und doch ist diese besonders. Renate Welsh erzählt in dem sehr persönlichen Buch von ihren eigenen Kindheitserlebnissen, von Heimweh und der ungestillten Sehnsucht eines Kindes nach Menschen, die es lieben, vom Leben einer Außenseiterin. Das ist besonders bedrückend, wenn man bedenkt, das Mädchen war zu Beginn der Handlung erst fünf Jahre alt. So berichtet sie von einer Familie in der das Wort das Großvaters galt, Widerspruch wurde nicht geduldet, dafür gab es drakonische Strafen. So hatten alle Angst vor dem alten Mann, der den Führer verherrlichte und auf die „deutschen Werte“ pochte. Kinder hatten nichts zu sagen, sondern zu gehorchen. Schnell wurde er für mich dadurch zum Unsympath und ich musste mir ständig die Zeit und ihre Umstände ins Gedächtnis rufen, um die sich vor ihm duckenden Frauen zu verstehen. Die Schikanen, die die Kleine erdulden musste, reichten von Liebes- und Essensentzug hin zur Züchtigung. Briefe des geliebten Vaters wurden vorenthalten, der Kontakt zu den Großeltern unterbunden. Immer wieder wurde das Augenmerk auf das damalige Alltagsgeschehen gelenkt und Episoden daraus anschaulich für den Leser dargestellt. Renate Welsh bedient sich dabei einer sehr klaren, aber doch einfühlsamen Sprache mit der sie die Geschichte aus der Sicht der 5jährigen mit all ihrer kindlichen Naivität erzählt, die den Roman, trotz der geschilderten Bösartigkeiten dem Kind gegenüber, so liebenswert macht. Dieser Roman ist ein Jugendbuch, aber auch die Junggebliebenen finden darin eine gut lesbare und interessante Lektüre.
Ich erliege ja zur Zeit immer öfter dem Charme der Schreibweise österreichischer Schriftsteller, zu der Köhlmeier-Geiger-Haslinger-Riege gesellt sich jetzt noch Renate Welsh. Alle können sie sehr gut die Gefühle und Denkweisen ihrer Charaktere vermitteln und sich in die sie für den Leser mit Leben erfüllen. Deshalb freut es mich umso mehr wieder eine neue Autorin für mich entdeckt zu haben.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Renate Welsh, geboren 1937 in Wien, studierte Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften und schreibt seit 1970 sowohl Kinder- und Jugendbücher als auch Bücher für Erwachsene. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Wien.
Heike
Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, Großdruck, TB 8,50 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3423252539
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“Chinatown” von Tereza Vanek
2.8.2011 von Krümel.
Hamburg, Ende der 1920er Jahre. Eigentlich stammte Mai Ling aus einem angesehenen Elternhaus. Dann wurde der Vater politisch verfolgt, die Familie verarmte und Mai Ling wurde die zweite Frau eines chinesischen Händlers. Aufgrund unglücklicher Ereignisse, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, wurde sie nach Shanghai verkauft und zur Prostitution gezwungen. So erschien es ihr fast schon wie ein Glücksfall, als sie von einem Mädchenhändler an den Zuhälter Liang in Hamburg verkauft wurde. Im Chinesenviertel Hamburgs traf sie auf die junge rothaarige Alexandra. Die wollte als Jazzsängerin Karriere machen, musste aber notgedrungen für ihren Lebensunterhalt als Sekretärin arbeiten, da sich ihre Lebensvorstellungen deutlich von denen der wohlhabenden Eltern unterschieden. Ihnen war das Verhältnis ihrer Tochter zu Sarah, einer jüdischen Anwältin, nicht verborgen geblieben. Nachdem Mai Ling bei einem Besuch bei einem Kunden schwer misshandelt wurde, versteckte Alexandra sie auf Drängen ihrer Freundin bei sich. Langsam kamen sich beide näher.
Romane, deren Handlung hauptsächlich durch eine Liebesgeschichte geprägt sind, finde ich sehr oft langweilig. Ganz anders dieses Buch, denn die erwartete Lovestory entwickelte sich erst recht spät. Zunächst erfuhr der Leser viele Dinge aus dem Leben der Protagonisten, konnte an Höhen und Tiefen ihres Lebens teilhaben und sie in ihrem Handel verstehen lernen. Das Umfeld der Hauptpersonen, das Chinaviertel im Hamburger Hafen, das es wirklich gab, wurde dem Leser ebenso näher gebracht wie die politische Situation. Auch dem Zeitgeist wurde mit Fortschreiten der Handlung immer mehr Rechnung getragen. Empfand ich zu Beginn des Romanes die zeitlichen Gegebenheiten etwas zu wenig betrachtet, so änderte sich das ab der Mitte des Buches grundlegend. Da konnte ich die verrückten 20er Jahre förmlich spüren. Besonders schön und interessant fand ich die Passagen, die sich um den Jazz rankten. Aber auch das Zusammenspiel zwischen den Chinesen und ihre Distanziertheit zu den Einheimischen wurde sehr kompetent beschrieben. Außerordentlich gut hat mir die Charakterisierung von Alexandra gefallen. Sie kämpfte mit allen Mitteln, um die ihr verhasste Stelle als Sekretärin aufgeben und sich ihren Lebenstraum erfüllen zu können. Dazu musste sie eine gescheiterte Beziehung verkraften. Vergessen fand sie im Alkohol. Der Liebesbeziehung zwischen Alexandra und Mai Ling nähert sich Tereza Vanek sehr feinfühlig, vieles wird nur angedeutet und nicht wirklich ausgesprochen. Der Leser darf seine Fantasie bemühen. Abwechselnd wird die Handlung aus der Sicht der beiden Frauen geschildert und immer wieder gibt es höchst interessante und berührende Rückblenden in Mai Lings Vergangenheit.
In einem aufschlussreichen Nachwort klärt die Autorin ihre Leser über die Schnittpunkte ihrer fiktiven Geschichte zur Realität auf, etwas, was ich an historischen Romanen sehr schätze.
Nun freue ich mich auf die weiteren Bücher, die ich von der Autorin noch lesen kann und vielleicht gibt es ja doch einmal einen Roman, der mich als Leser ins ferne China entführt.
Über den Autor (www.amazon.de)
Tereza Vanek wurde 1966 in Prag geboren und kam als kleines Kind mit ihren Eltern nach München. Sie studierte Anglistik, Romanistik und Slawistik und promovierte über die Darstellung verbrecherischer Frauen im englischen Drama des 17. Jahrhunderts. Sie arbeitete als Fremdsprachenlehrerin, Übersetzerin, Call Center Agent und Teamassistentin und verkaufte im Internet nostalgische Kleidung, bevor sie sich mit ihrem ersten Roman »Schwarze Seide« einen Traum erfüllte und Schriftstellerin wurde. Tereza Vanek lebt und arbeitet in München.
Heike
Helmer Verlag 2009, Broschur 17,90 €, Seiten: 348, ISBN: 978-3897412866
Geschrieben in Heike, Roman | Keine Kommentare »
“Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks” von Rebecca Skloot
7.7.2011 von Krümel.
Henrietta Lacks war Mutter von fünf Kindern und spürte seit geraumer Zeit einen Knoten am Muttermund. Als es zu Blutungen kam, ging sie zur gynäkologischen Untersuchung ins John Hopkins Hospital. Der Befund war eindeutig: Gebärmutterhalskrebs. Henrietta war Afroamerikanerin und in den Genuss einer über das Allernotwendigste hinausgehenden Bildung kam sie nie. Auch im Krankenhaus erklärte ihr niemand, welche Untersuchungen erforderlich seien, warum sie wie therapiert würde und sie stellte keine Fragen. Ohne ihre Zustimmung wurden ihr zwei Gewebeproben entnommen, mit denen der Wissenschaftler Georg Gey forschte und mit denen es ihm als Ersten gelang, menschliche Zellen am Leben zu erhalten. Henrietta Lacks starb am 4. Oktober 1951, ihre Zellen leben heute noch und sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken.
HeLa-Zellen sind weltweit in allen Forschungslaboratorien unabdingbar. Sowohl die Medizin- als auch die Genforschung sind ohne sie nicht mehr vorstellbar. Sie wurden ins Weltall transportiert, um an ihnen die Wirkung der Schwerelosigkeit zu erforschen und wurden atomarer Strahlung ausgesetzt, um deren Folgen abschätzen zu können. Sie dienen der Erforschung von Impfstoffen ebenso wie der Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs und AIDS. Rebecca Skloot hat sich mit ihrem Buch einem äußerst interessanten Thema zugewandt und es für die Leser sehr ansprechend und allgemeinverständlich umgesetzt. Als Sachbuch konzipiert, bietet es neben der Wissensvermittlung noch gute Unterhaltung. Leser, die sich für belletristisch umgesetzte Medizingeschichte interessieren, werden auch an diesem Werk Freude haben, denn es ist gleichzeitig eine Familiengeschichte. Die Impertinenz ehrgeiziger Mediziner wird in diesem Buch ebenso thematisiert wie ethische Fragen der Wissenschaft und der zu damaliger Zeit in den USA vorherrschende Rassismus. Rebecca Skloot macht öffentlich, was bislang nicht bekannt war. Sie schreibt von den immensen Summen, die mit diesen Zellen verdient wurden und werden und von der Armut der Familie Lacks, die davon keinen Cent sah und verdeutlicht damit die Kernfrage, wem gehören diese Zellen. Die Autorin bereitet dieses Thema nicht chronologisch auf. Aber als Orientierung ist zu Beginn eines jeden Kapitels am oberen Seitenrand ein Zeitstrahl abgedruckt, der über die in diesem Abschnitt behandelte Zeit Auskunft gibt.
„Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ein wissenschaftliches, spannendes und zutiefst menschliches Buch. Es informiert, macht nachdenklich und lässt sich darüber hinaus noch ausgezeichnet lesen. Ich empfehle es gern weiter.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Rebecca Skloot hat Biologie und Kreatives Schreiben studiert. Sie ist prämierte Wissenschaftsjournalistin und Bloggerin, deren Artikel unter anderem im „New York Times Magazine“, Discover Magazine“ und in „The Oprah Magazine“ veröffentlicht wurden. Als Korrespondentin hat sie für NPR’s RadioLab und PBS’s Nova ScienceNOW gearbeitet. Sie unterrichtet Naturwissenschaftler im kreativen Schreiben an der University of Memphis und an der University of Pittsburgh und hält zahlreiche Vorträge. “Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ihr erstes Buch, an dem sie 10 Jahre gearbeitet hat und dem auf Anhieb der Sprung unter die Top Ten der New-York-Times-Bestellerliste gelang.
Heike
Irisiana Verlag 2010, Übersetzung: Sebastian Vogel, Hardcover 19,99 €, 512 Seiten, ISBN: 978-3424150759
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