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“Solar” von Ian McEwan
2.12.2011 von Krümel.
Michael Beard: Physiker, Nobelpreisträger, fünf Ehen, keine Kinder, ungezählte Affären. Ein Anti-Held, der sich arrogant und selbstsicher durch die Welt bewegt und Probleme am liebsten durch Ignorieren löst. Seine Karriere lebt von seiner einzigen, großen wissenschaftlichen Leistung, dem Beard-Einstein-Theorem, das ihm neben dem Nobelpreis, eine Vielzahl von Positionen im Wissenschaftsbetrieb eingetragen hat. Im Jahr 2000, als die Handlung beginnt, leitet er ein Institut für Erneuerbare Energie. Doch wissenschaftliche Arbeit im eigentlichen Sinne leistet er nicht: er gibt sein Renommee, andere denken und forschen. Auch das Thema “Klimawandel” interessiert ihn eigentlich nur randwertig. Mehr beschäftigt ihn (neben der nächsten Nahrungs- und Alkoholaufnahme) sein Privatleben: seine fünfte Frau Patrice legt sich ebenfalls einen Liebhaber zu und Michael entdeckt seine Leidenschaft für Sie neu. Doch dann spielt das Schicksal Michael eine Erfindung in die Hände, die das Zeug hat, die Sonnenenergie auf neue Art zu nutzen, den Klimawandel zu beenden und die Welt mit genug Energie zu versorgen….
In drei Teilen umfasst der Roman die Jahre 2000, 2005 und 2009 und begleitet sowohl Beard und “seine” Erfindung auf dem Weg zur Serienreife als auch Beards Privatleben, das er nie im Griff zu haben scheint.
Ein Roman, in dem die Ausnahme-Liegruppe E_8 erwähnt wird, hat natürlich meine besondere Sympathie verdient, aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich ihn mag. Anfangs hab’ ich kaum verstanden, warum ich ihn eigentlich so gern lese: Slapstick und Klischees jagten einander; von Patrice’ bulligem Handwerkerliebhaber, der natürlich auch gern mal zuschlägt, angefangen, über den Todesfall, der in seinem Ablauf aus jedem schlechten Krimi stammen könnte, bis zur Zugszene, die nicht umsonst später als Urban Legend entlarvt wird. Warum mag ich das bei McEwan, wo ich einen Roman von John Irving für solche Szenen am liebsten an die Wand werfen würde? Weil bei McEwan das Klischee nicht Teil der Geschichte ist, sondern Teil einer Romankonstruktion, die der Autor mit Selbstironie und Augenzwinkern einzusetzen weiß. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern entlarven den Anti-Helden Beard, sind Elemente einer bösen, englischen Satire, bei der linke Klimaschützer sich mit höchstem CO_2-Aufwand nach Spitzbergen begeben, um im nicht mehr ganz so ewigen Eis Tänze aufzuführen und Eispinguine zu schnitzen.
Neben dem Klimaschutz, werden der Wissenschaftsbetrieb und die Genderbewegung seziert.
Der ganze Roman unterliegt dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik: die Unordnung nimmt laufend zu!
Selten habe ich mich so gut amüsiert und dabei doch soviel zum Nachdenken gefunden.
Kerstin
Diogenes Verlag 2010, Übersetzung: Werner Schmitz, Hardcover 21,90 €, 405 Seiten, ISBN: 978-3257067651
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“Erinnerungen einer Überflüssigen” von Lena Christ
19.7.2011 von Krümel.
Der autobiographische Roman der bayerischen Schriftstellerin umfasst ihr Leben bis zum frühen Erwachsenenalter im Oberbayern im späten 19. Jahrhundert:
Lena Christ ist ein uneheliches Kind, die Mutter ist nach München gezogen, das Kind wächst zunächst bei den Großeltern auf dem Land auf. Doch als ihre Mutter heiratet, nimmt sie ihr Kind zu sich, statt Lausdirndl-Leben bei den Großeltern, ist die Achtjährige nun Haushaltshilfe, Kindsmagd, später Köchin und Kellnerin im Wirthaus der Schwiegervaters. Beschimpfungen und Misshandlungen durch die Mutter sind an der Tagesordnung: das ledige Kind wird weiterhin als Schande empfunden und bekommt dies zu spüren. Mehrfach versucht Lena daraus auszubrechen. Zu den Großeltern, ins Kloster, als Angestellte eines anderen Wirtshauses. Doch immer wieder kehrt Sie zurück; teils unter Zwang, teils freiwillig.
Mit 20 heiratet Sie Benno, doch aus dieser endgültige Ausbruch aus dem Elternhaus steht unter schlechten Vorzeichen…
Der Titel und das Wissen um Lena Christs Biographie lässt ahnen, dass es nicht viel Fröhliches zu lesen geben wird. Ein Kind steht im Zentrum des Romans, das als überflüssig empfunden wird und sich selbst ebenso empfindet. Trotz allem versucht Lena sich immer wieder der Mutter zu nähern, meist nur um so rüder zurückgestossen zu werden: durch seelische und körperliche Verletzung. Das Bild nach außen muss gewahrt bleiben - so behauptet die Mutter an ihrem 10. Hochzeitstag, es sei ihr 20., um ihr lediges Kind als eheliches auszugeben. Und das obwohl ihr Mann gerade mal 35 Jahre ist!
Traurig ist das Buch also, tragisch, mitreißend, belastend, fesselnd. Eines jedoch mit Sicherheit ebensowenig wie seine Autorin: Überflüssig.
Lena Christs Buch zeigt exemplarisch ein Frauenleben, der heutige Leser erfährt aber sehr viel über die Lebensumstände und Bräuche in München und Oberbayern. Allein die Darstellung des Klosterlebens ist spannender als viele Reportagen und erlaubt einen tiefen Einblick in die Zeit, ihr religiöses Leben und ihren Umgang mit Behinderten.
Hatte ich bei der Rumpelhanni vor dem Bairisch gewarnt, kann ich diese Warnung hier stark abgeschwächen: das Buch ist bei weitem nicht so dialog- und daher dialektlastig.
So spreche ich eine klare Empfehlung für dieses Buch, für Lena Christ aus.
Kerstin
Deutscher Taschenbuch Verlag 1999, TB 8,90 €, 240 Seiten, ISBN: 978-3423126571
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“Nemesis” von Philip Roth
2.6.2011 von Krümel.
Sommer 1944. Die USA kämpft im 2. Weltkrieg an zwei Fronten, doch Bucky Cantor, 23, ist nicht dabei: seine schlechten Augen führten zu seiner Ausmusterung. Der pflichtbewusste junge Mann bedauert das zutiefst, hätte gerne neben seinen besten Freunden sein Vaterland verteidigt. Im drückend heißen Newarker Sommer betreut er stattdessen die Jungen auf dem kommunalen Sportgelände. Als die Poliofälle in seinem Viertel epidemisch werden und Todesopfer fordern, beginnt Buckys privater Kampf gegen eine Krankheit, deren Übertragungswege niemand genau kennt, die ihre Opfer in die Eiserne Lunge zwingt und lebenslang Krüppel aus ihnen macht. Bucky füllt sich verantwortlich: hat er richtig gehandelt, als ein Haufen Italiener mit dem Auto vor dem Sportplatz vorgefahren kam, um “die Juden mit Polio anzustecken”? Soll er die Jungen weiterhin ermutigen, zum Sportplatz zu kommen oder ist die Ansteckungsgefahr zu groß? Seine Freundin Marcia, Betreuerin in einem Sommercamp, macht sich große Sorgen und will ihn überreden dort ebenfalls eine Stellung anzunehmen…
Philip Roths kurzer Roman ist der vierte Teil der Tetralogie “Nemeses” (Jedermann, Empörung, Demütigung und Nemesis). Wie in Empörung haben wir es wieder mit einem jungen Protagonisten zu tun. Während Marcus mit seinem klammernden Vater “Familie” meist negativ erlebt, sehnt sich Bucky nach einer normalen Famile. Bei seiner Freundin Marcia und deren Familie scheint dieser Wunschtraum in Erfüllung zu gehen. Er selbst, Halbwaise mit einem kriminellen Vater, ist bei den Großeltern aufgewachsen. Vom Großvater hat er gelernt Verantwortung zu übernehmen, stark zu sein, seine körperliche Konstitution unterstreicht dies. Doch was, wenn das Schicksal eingreift? Wer ist verantwortlich für eine solch schwere Krankheit, deren Ursachen man nur unzureichend kennt, so dass Schutz kaum möglich ist? Bucky hadert mit Gott, der so etwas zu lassen kann und fühlt sich schuldig und verantwortlich.
Auch wenn der Titel der griechischen Mythologie entnommen ist, las sich die Geschichte eher altestamentarisch. Polio kommt über die Menschen wie eine biblische Plage, wie auch der Krieg, Bucky bleibt wie Hiob kaum ein Schicksalsschlag erspart, doch sein Gottesbild wird dadurch zutiefst erschüttert, er kann nur noch einen zornigen Rachegott sehen. Sein Schuld- und Verantwortungsgefühl tragen ursächlich zu seinem Schicksal bei.
Ein sehr gelungener Abschluss der Tetralogie! Für Roth-Fans natürlich ein absolutes Muss, auch für diejenigen, die “Altmännerphantasien” an Roth Spätwerk stört
Kerstin (gelesen im Original)
Hanser Verlag 2011, Übersetzung: Dirk von Gunsteren, Hardcover 18,90 €, 224 Seiten, ISBN: 978-3446236424
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“Der Schmuck der Lady Catherine” von Joan Aiken
19.5.2011 von Krümel.
Von Joan Aiken gibt es mehrere Roman, die Randfiguren aus Jane Austens Werken in den Mittelpunkt heben. Mit 17, als ich alle Jane Austens durch hatte, war “Jane Fairfax” willkommener Lesestoff. “Das Mädchen aus Paris” mit seiner platten Wiederholung von Charlotte Brontes “Villette” hat mich dann nur genervt. Erst letztes Jahr habe ich das Austen-Bronte-freie “Du und Ich” gelesen, einen netten, wenig anspruchsvollen Roman, der mich ganz gut unterhalten hat. Das Mängelexemplar “Der Schmuck der Lady Catherine” hab’ ich daher mit dem Gefühl “Naja, seichte Unterhaltung für zwischendurch” eingepackt. Und es hat die Erwartungen diesbezüglich nicht enttäuscht .
Im Mittelpunkt stehen Lady Catherine de Bourgh, die unsympatisch-tryannische Tante Darcys, ihre Tochter Anne, Fitzwilliam, sowie die Schwestern Maria Lucas und Charlotte Collins: Gestalten, die in “Stolz und Vorurteil” Nebenrollen spielen. Drumherum gesellen sich eine Handvoll neuer Charaktere: das zwielichtige Geschwisterpaar Delaval, das schwule Malerpaar Tom & Tom, der Gartenbursche Joss. Aiken übernimmt die Charakterzeichnung Austens ohne im Entfernten an deren Ironie heranzukommen (Catherines Bruder ein müder, alberner Versuch), ihre eigenen Charaktere bleiben dagegen blass. Nicht mal die Delavals schaffen es richtige Gauner zu sein, der titelgebende Schmuck ist niemals in ernster Gefahr. Die Handlung ist vorhersehbar à la Rosamunde Pilcher, das Ende dagegen so absurd, dass man hier tatsächlich Ironie vermuten könnte, wenn das Buch vorher irgendwo selbstironisch, statt trivial nachahmend wäre. Der als 10jähriger Phantasiewelten schaffende Bruder Lady Catherines zeigt, dass Aiken sich nicht nur mit dem Werk Jane Austens, sondern auch mit dem Leben der Brontes auskennt.
Immerhin: ich überlege ernsthaft “Stolz und Vorurteil” mal wieder zu lesen.
Fällt in die Kategorie: so schlecht, dass ich mich eigentlich schon wieder ganz gut amüsiert habe.
Kerstin
Diogenes Verlag 2005, Übersetzung: Renate Orth-Guttmann, Taschenbuch vergriffen, 214 Seiten, ISBN: 978-3257234428
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“Gegen Ende der Zeit” von John Updike
3.3.2011 von Krümel.
Ben ist Mitte 60, lebt in Massachusetts in einem großen Haus mit viel Grund und Blick auf’s Meer. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, war er als Finanzberater erfolgreich, hat zudem in zweiter Ehe die wohlhabende Gloria geheiratet. So hat Ben Zeit die Natur zu beobachten, Golf zu spielen und Tagebuch zu schreiben….
Der Roman spielt im Jahr 2020, in einer durch einen verheerenden Krieg zwischen Amerika und China verwüsteten Welt, in der die USA keine zentrale Regierung mehr hat, Reisen der Vergangenheit angehören und Ben Schutzgeld an zwei Kleinganoven, Phil und Spin, bezahlt.
Gloria scheint sehnlich darauf zu warten, Witwe zu werden, während Ben in ihrer Abwesenheit scheinbar mit einer jungen Hure zusammenlebt und als Belohnung für seine Kooperation mit den Jugendlichen, die Phil und Spin verdrängen, deren Komplizin Doreen betatschen darf.
Als er schließlich an Prostata-Krebs erkrankt, Golf und Sex nur noch in Gedanken stattfinden, stellt er sich zunehmend die Frage, wann seine Zeit auf der Erde abläuft.
Der Roman umfasst fast genau ein Jahr, erzählt in Bens Tagebuchaufzeichnungen. Dabei vermischen sich Wirklichkeit und Phantasie des alternden Mannes, während er seinen Garten, die Pflanzen und Bäume genauestens beobachtet. Dass aber seine Frau diejenige ist, die Entscheidungen über zu fällende Bäume und zu pflanzende Büsche trifft, sagt viel über die Ehe aus. Von Liebe zwischen den beiden ist wenig zu spüren, Sex scheint ihr verbindendes Element zu sein.
Die äußere Handlung spiegelt und ergänzt sich mehrfach in den ablaufenden Jahreszeiten, aber auch der Geschichte des Universums, in Bens Phantasien und Erinnerungen. Alter, Tod, Vergänglichkeit, die Sehnsucht danach nochmal jung zu sein, manches anders zu machen: Ben lebt seine Ängste, reflektiert sein Leben.
“Altmännerliteratur”, “langatmige Naturbeschreibungen” könnte man dem Roman vorwerfen und ist ihm sicher auch vorgeworfen worden. Erotische Phantasien/Erlebnisse eines Mitte 60-jährigen: wer das nicht mag, sollte die Finger von dem Buch lassen. Ihm entgeht ein grandioses Updike’sches Endzeitszenario aus der Innensicht eines alternden Protagonisten. Es gibt Bücher, die mag ich nicht uneingeschränkt (hier: zu viele Pflanzen, die ich nicht kenne und daher Schwierigkeit Updikes Bilder in meinem Kopf zu reproduzieren), aber beim Lesen und erst recht beim Schreiben der Rezension fallen mir immer mehr Zusammenhänge, Metaphern und Details auf: einfach gute Literatur.
Kerstin
Rowohlt Verlag 2000, Hardcover vergriffen, 398 Seiten, ISBN: 978-3498068769
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“Autor, Autor” von David Lodge
16.2.2011 von Krümel.
David Lodge kannte ich bisher als Autor amüsanter Campus-Novels wie “Changing Places”; ein Roman über Henry James, für den Experten viktorianischer Literatur ebenfalls ein Heimspiel.
Es ist ein Roman, keine Biographie, auch wenn sich die Handlung eng an James Leben anlehnt, füllt Lodge es mit Gedenken, Hoffnungen und Wünschen James’. Er erlaubt uns einen fiktiven, aber möglichen Blick in den Kopf eines Schriftstellers, der heute unbestrittener Klassiker ist, zu Lebzeiten aber nicht immer sehr erfolgreich war und mit entsprechenden Zweifeln, Neid und Anstrengungen Erfolg zu haben, beschäftigt ist.
Konkret spielt ein Großteil des Romans in den 1880er und 90er Jahren, einer Zeit in der James seit geraumer Zeit in England lebt, erste Erfolge bereits verblasst sind und in die sein vergeblicher Versuch fällt als Dramatiker Fuß zu fassen. Diese Passagen sind auch deshalb interessant, weil sie einen Blick hinter die Kulissen des Theaterbetriebs im späten 19. Jahrhundert gewähren.
Beleuchtet werden außerdem James’ Freundschaften zu George Du Maurier, Zeichner beim Punch, der sich spät der Schriftstellerei widmet und mit Trilby einen Bestseller landet und der Schriftstellerin Constance Fenimore Woolson.
David Lodge ist ein rundum unterhaltsamer Roman gelungen, der im Gegensatz zu einer Biographie weniger versucht das äußere als mehr das Innenleben seines Protagonisten nachzuvollziehen. Dass in Haupt- und Nebenhandlungen illustere Namen auftauchen, von Maupassant bis Oscar Wilde, erhöht den Lesespaß zusätzlich ohne plakativ oder gezwungen zu wirken. Henry James wird auch als Mensch lebendig, der hinter dem Schriftsteller steckt. Der ehrgeizig ist, sich den Erfolg wünscht, anderen neidet, dabei aber immer selbstreflexiv bleibt.
Das beste Lob für das Buch ist wohl, dass ich direkt anschließend zu James’ Novelle “Das Geheimnis von Bly” (The Turn of the Screw) gegriffen habe!
Eine Empfehlung für Henry-James-Leser sowieso, aber auch für alle, die der englische Theater- und Literaturbetrieb im ausgehenden 19. Jahrhundert interessiert.
Kerstin
Zweitausendeins Verlag 2006, Übersetzung: Renate Orth-Guttmann, Hardcover vergriffen, 544 Seiten, ISBN: 978-3861505679
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“Zeitlupe ” von J.M. Coetzee
8.2.2011 von Krümel.
Paul Rayment lebt in Adelaide, Australien, ist 60 Jahre alt, Fotograph, alleinstehend. Sein ruhiges Leben wir umgekrempelt als er einen schweren Fahrradunfall hat, bei dem er ein Bein verliert. Eine Prothese verweigert er, so dass er auf häusliche Pflege angewiesen ist. Mit Marijana Jokic, kroatischer Abstammung, findet er schon bald eine Krankenschwester, die ihn nicht wie die anderen wie ein Kind behandelt. Paul verliebt sich und macht ihr ein großzügiges Angebot, die Ausbildung ihres Sohnes zu finanzieren. Ein Geschenk, das die Familie Jokic nicht annehmen will, da sie Bedingung vermuten und ihren Stolz verletzt sehen. Und dann tauscht auch noch die über 70jährige Schriftstellerin Elizabeth Costello auf, quartiert sich in Pauls Wohnung ein und mischt sich in alles…
Coetzee erzählt von einem Mann auf der Schwelle zum Alter, der durch äußere Umstände diese Schwelle sehr schnell überschreitet, dann zur Langsamkeit gezwungen wird. Fragen über das Leben werfen sich auf: hätte er doch Kinder haben sollen, nicht fast immer allein leben? Was kann er jetzt noch ändern? Was einer Frau bieten?
Der Anfang des Buchs gefiel mir ausnehmend gut, doch das Auftreten der Costello hat mir den Spaß ein bisschen genommen. Es gibt keine Erklärung warum und woher Sie kommt, eine Art guter Engel mit groben Worten, eine lebendig gewordene innere Stimme, immer bleibt etwas geheimnisvoll-mystisches um sie, das für mich nicht zum Rest des Romans passen will. Dabei hat mich Pauls Schicksal sehr interessiert, sein Entwurzelt sein: in Frankreich geboren, in Australien groß geworden, lebte er sein Erwachsenenleben in beiden Ländern und kann sich in keinem zuhause fühlen. Da er auch keine Familie hat, trifft ihn die Abhängigkeit von Hilfe doppelt: es ist niemand da, der ihm aus Zuneigung oder Liebe helfen würde, Pflege kann er sich nur erkaufen. Das Spannungfeld zwischen Gepflegtem und Pflegerin wird anschaulich und mitfühlend beschrieben.
Kerstin
S. Fischer Verlag 2005, Übersetzung: Reinhild Böhnke, Hardcover vergriffen, broschiert 9,95 €, 301 Seiten, ISBN: 978-3100108333 (Broschur 978-3596170654)
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“Geometrie des Universums” von Robert Ossermann
21.1.2011 von Krümel.
Die Welt ist eine Kugel. Wissen wir ja! Aber warum wussten es schon die alten Griechen? Und warum wurde es im Mittelalter wieder heftig bestritten? Wie kann man eigentlich feststellen, was für eine Form die Erde genau hat? Osserman beginnt sein Buch über die Geometrie des Universums auf der Erde und beschreibt, wie sich die Menschen dem Verständnis ihrer Form mit allen Irrwegen annähern. Dazu gehört auch eine Beschreibung, wie man sich ein zweidimensionales Abbild der Welt machen kann und warum alle Karten “fehlerhaft” (verzerrend) sind.
Dann wendet sich der Blick in die Ferne. Osserman erklärt, warum das “Retroversum” (der Teil des Universums, den wir beobachten können) eine Kugel bildet und fasst die Theorien über die Form des Universums als Ganzes zusammen. Dabei streift er nicht nur die Relativitätstheorie, sondern erklärt auch Fraktale, das Möbiusband und andere geometrische Phänomene.
Ossermans Buch ist im Fachverlag vieweg erschienen, war entsprechend teuer und auch wenn im Klappentext Lobeshymnen der New York Times und des Boston Globe erschienen sind, ist das Buch in Deutschland sicher kein Erfolg gewesen. Schade! Wie immer fehlt mir die Einschätzung wie schwer oder leicht sich das Buch ohne mathematische Vorkenntnisse liest, meine kaum vorhandenen physikalischen Vorkenntnisse haben jedenfalls genügt und ich war immer wieder beeindruckt, wie klar und deutlich Osserman erklären kann und welch treffenden Beispiele er auswählt.
Kerstin
Vieweg Verlagsgesellschaft 1997, Hardcover vergriffen, 188 Seiten, ISBN: 978-3528069025
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“Eine Nacht mit Lolita” von Rick Gekoski
21.12.2010 von Krümel.
Dieses Buch habe ich unbesehen gekauft, weil es eine hübsche Leinenausgabe ist, billig war, “Lolita” im Titel hat und von Büchern handelt. Um was es wirklich ging, geht aus dem Rückentext nicht hervor, von Anekdoten ist da die Rede. Tatächlich ist Rick Gekoski, in England lebender Amerikaner, Buchhändler: er handelt mit Erstausgaben, signierten Büchern, teuren Einzelstücken bevorzugt des 20. Jahrhunderts. So geht es hier nicht um irgendeine Lolita-Ausgabe, sondern eine Graham Green gewidmete englische Erstausgabe! Die Preise die dabei genannt werden, lassen einen schaudern und den Aufpreis den Exemplare mit möglichst unversehrten Schutzumschlag versprechen, bringen mich fast dazu mit diesen Dingern in Zukunft besser umzugehen (aber nur fast).
In 15 Kapiteln geht es dabei jeweils um ein Buch, seine Veröffentlichungsgeschichte, die Exemplare, die Gekoski gekauft und verkauft hat. Denn als Händler muss er sich von den Büchern immer wieder trennen. Seine Kontakte zur Literatur- und Verlegerszene sind eng, so dass die ein oder andere Anekdote für den Leser heraus springt. Gekoski schreibt mit ironischem Augenzwinkern, das auch vor ihm selbst nicht halt macht: verpatze Gelegenheit sich Bücher von Tolkien signieren zu lassen, seine Fehleinschätzung des steigenden Werts von Harry-Potter-Erstausgaben.
Ein Buch, das mich in eine Welt der Bücher einführte, die ich noch nicht kannte, flott geschrieben, schnell gelesen. Eine positive Überraschung.
Kerstin
Claassen Verlag 2006, Übersetzung: Rainer Moritz, Hardcover vergriffen, 224 Seiten, ISBN: 978-3546004077
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“Die Frühreifen” von Phillippe Djian
8.12.2010 von Krümel.
Die Trendels hatten fast alles: er erfolgreicher Schriftsteller, sie eine bekannte Schauspielerin leben sie luxuriös in einer Siedlung mit Gleichgesinnten. Doch das ist nur die Oberfläche: beider Erfolge sind schon Jahre her, Richard hat seine Drogensucht nur mühsam überwunden, sein Vater glaubt ein Recht zu haben, seinen Sohn immer noch erziehen zu können. Entgültig aus der Bahn wirft die Familie der Tod der achtzehnjährigen Tochter Lisa. Evy, ihr 14 Jahre alter Bruder, war dabei als in einer Winternacht Lisa aus dem Ruderboot in den eiskalten See stürzt und ertrinkt. Was wirklich passiert ist, erzählt er niemandem. Der verschlossene Junge wehrt sich auf seine eigene Art gegen die Sexualisierung seiner Umwelt, in der 14jährige täglich Oralsex haben und 18jährige Mädchen ihren Körper gegen Geld verkaufen, um ihre Drogensucht zu finanzieren.
Ratlos mit schnell wechselnden Perspektiven erzählt Djian aus dieser erschreckenden Welt zwischen Sex, Drogen, Alkohol. Dabei treibt er die Handlung vorwärts ohne dem Leser den Atem zu geben, die Hintergründe zu erfassen, blendet in kritischen Situationen aus, springt durch die Zeiten. Das passt irgendwie zu der zugedröhnten Welt, in der Familien aneinander vorbei leben und sprechen, aber mir hat es irgendwann auch die Lust genommen mich damit auseinander zu setzen. Zu überzogen, zu durchgeknallt, zu weit weg von meinen Realitäten, zu fremd waren mir diese Charaktere. Traurig ist dieses Buch, in dem die Jugendlichen keine Möglichkeit normal heran zu wachsen, weil die Eltern zu viel Geld und Drogen und zu wenig Zeit und Interesse an ihrem Nachwuchs haben.
Hier wäre weniger mehr gewesen: weniger Seiten, weniger durchgeknallt, weniger Tote.
Trotzdem mir das Buch wenig gefallen hat, werde ich Djian sicher noch eine Chance geben, denn im Prinzip gefällt mir sein Stil sehr gut. Vielleicht wird es nicht “Sirenen” werden, das schon auf meinem SUB schlummert, sondern das hochgelobte “Betty Blue”.
Kerstin
Diogenes Verlag 2008, Übersetzung Uli Wittmann, Broschur 9,90 €, 380 Seiten, ISBN: 978-3257236552
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