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Archiv der Kategorie Klassiker

“Mit brennender Geduld” von Antonio Skármeta

Mario Jiménez, der Sohn eines Fischers, möchte aus der Tradition der Familie treten und einem, wie er meint, ordentlichem Beruf nachgehen. Er bewirbt sich als Postbote und erhält eine Route, in der es bloß einen Kunden zu beliefern gibt: Den chilenischen Dichter Pablo Neruda. Langsam entwickelt sich eine intensive Freundschaft zwischen beide Männer, gefestigt durch Nerudas Gedichtszeilen. Sie werden zum Auslöser jener ungleichen Beziehung und zum Köder für Marios zukünftige Frau. Sie sind es auch, die Mario in die Welt der Intellektuellen entführt.
Dieses Buch ist als Hommage an den weltberühmten Dichter gerichtet, wo die Verleihung des Nobelpreises ebenso Erwähnung findet wie seinen Einstieg in die Politik, wo er unter Allendes Regierungszeit als Konsul in Europa tätig war. Die fiktive Freundschaft zu Mario reißt nie ab, lässt sie so doch die Nähe zum chilenischen Volk erkennen, die Neruda angestrebt hat.

Fasziniert an diesem Buch hat mich die Sprache Skármetas, eine Schatulle voller Satzperlen. Ich frage mich, ob und inwieweit er von Nerudas Gedichten abgeschrieben hat um so gelungen jene aufkeimende Liebe zu beschreiben. Die politischen Streifzüge werden von einem nüchternden Ton übernommen, der Neruda bis zu den Füßen seines Grabes begleiten wird.
Der Buchdeckel spricht von einem Roman über Freundschaft und Liebe, über Poesie und Leidenschaft, über Freiheit und Politik.

Patrick

Piper Verlag 2004, Übersetzung: Willi Zurbrüggen, Taschenbuch 8,99 €, 160 Seiten; ISBN: 978-3492226783

“Jeder stribt für sich allein” von Hans Fallada

fallada.gifEins meiner Highlights im Jahr 2011!

Eine ganz einfache, fast stillose Sprache, ziert diesen Roman. Daran muss man sich zu Beginn gewöhnen. Dafür sind seine Figuren ebenso authentisch wie lebendig, die Schauplätze fast plastisch und der ganze Roman wird von einer sehr dichten Atmosphäre getragen.

>>Die Vorübergehenden … vermieden es ängstlich, den im Dreck liegenden Unglücklichen anzusehen, denn sie wussten es ja, aus welchem gefährlichen Hause er hinausgeworfen war. Es war vielleicht schon ein Verbrechen, solchen Verunglückten mitleidig anzusehen, helfen durfte man ihm schon gar nicht.<<

Als Auftragsroman für die „Neue Berliner Illustrierte“ ist dieser Roman entstanden. Ausgangspunkt ist das Ehepaar Hampel und dessen Geschichte, beide sind am 8.04.1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden. Im Buch sind es dann die Quangels. Das Ehepaar verliert ihren einzigen Sohn an den Führer, und ein Standardschreiben unterrichtet sie – Ehre und Stolz für das Volk. Zorn und Wut bewegen das Paar zur Auflehnung gegen das Regime. Sie beschreiben Postkarten und legen diese in Treppenhäuser in ganz Berlin aus.

>>Nieder mit der Hitler Regierung! Nieder mit dem Zwangselend Diktat in unser Deutschland. Eine Hitler Regierung dürfen wir nicht entlasten!!<<

Einfache Leute aus der Arbeiterwelt lehnen sich gegen die „Schurkenbande“ auf. Fallada reißt damit ein Klischee aus den Angeln, denn die kollektiven Mitläufer werden zu Widerstandskämpfer.

>>“Du wirst es nicht nur anhören, du wirst es auch aushalten müssen, Kluge, einen Tag, zwei, drei, fünf Tage – immer, Tag und Nacht, und dabei werden sie dich hungern lassen, dass dein Magen zusammenschrumpft wie eine Bohne, dass du vor Schmerzen innen und außen umzukommen meinst. Aber du wirst nicht umkommen; so leicht lassen die einen, den sie mal in ihren Fängen haben, nicht los.“<<

Und heute bewegt dieser Aufstand gegen das Naziregime die ganze Welt, das Buch wird „zum internationalen Ereignis, zum Amazon-Toptitel und Spitzenreiter der einschlägigen Sellerlisten in zwanzig Ländern“.

Die neue Ausgabe des Aufbau-Verlags erscheint nun in ungekürzter Länge. Warum vor 60 Jahren so viel aus dem Roman herausgestrichen wurde, kann heute nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden. Fadenscheinige Ausflüchte wie „die objektive Kritik an Zeitromanen wurde überschritten“ oder „es sei ein Zuhälterroman mit politischen Aufputz“ werden angeführt.
Fakt ist, dass der Aufbau-Verlag der bekannteste Verlag in der ehemaligen DDR war, und das nächste Regime wieder Grund zum kritisieren und zensieren hatte.

>>Die aufgehobenen Streichungen verändern den Text nicht grundlegend, zeigen ihn aber rauher und authentischer, so wie Fallada ihn intendiert hatte.<<

Meine Gedanken zur Lektüre: Die Menschen gleichen drei verschiedenen Marionetten-Typen, den Mitläufern, den Augen und Ohren-Zuhalter und den Sich-Wehrer, aber allesamt sind sie irgendwie am Faden aufgereiht, grau und düster, aber nicht wirklich lebendig, denn sie leben irgendwie unter einer Glasglocke. Das ist reine Authentizität, Fallada erzeugt ein wahres und getreues Bild. Die Angst ist überall präsent. Und dann gibt es diesen Funken Hoffnung …
Oft wird Fallada als Trivialliterat bezeichnet, ich habe es in keinem Augenblick in diesem Werk so empfunden, sondern als echtes Zeitzeugnis aus einer ganz anderen Perspektive heraus. Das Buch hat mich tief bewegt hat – es ist mir ganz tief unter die Haut gegangen, und war so ein ganz besonderes Highlight in 2011!

Büchergilde Gutenberg 2011, Hardcover (leider schon vergriffen), 704 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6448-3

“Aufzeichnungen aus dem Kellerloch” von Fjodor Dostojewski

kellerloch.jpgWegen der verstaubten Übersetzung ist die Anaconda Ausgabe, übersetzt von Hermann Röhl (übertragene Ausgabe von 1921 des Insel Verlags „Aus dem Dunkel der Großstadt“) nicht gerade angenehm zu lesen!

Der Protagonist erzählt aus seiner selbstgewählten Einsamkeit heraus über sein Leben. Er schimpft auf den Menschen und zählt all seine Untugenden auf: Genusssucht, Hass, Neid, Eitelkeit, Stolz, Überheblichkeit und Feigheit. Der erste Teil „Das Dunkel“ ist eine Auflistung solcher Garstigkeiten und der unendlichen Langeweile, wenn man in der Untätigkeit gefangen sitzt.

>>Ich übe mich im Denken, und folglich zieht bei mir jede uranfängliche Ursache sofort eine andere noch tiefer liegende Ursache hinter sich her, und so weiter bis ins Unendliche. Darin besteht eben das Wesen aller Erkenntnis und allen Denkens.<<

Im zweiten Teil „Bei nassem Schnee“ berichtet er dann, wie es zu diesen Rückzug gekommen ist: Er war wohl schon immer ein Sonderling, nicht äußerlich, sondern eher geistig, hat seine Welt um sich herum erkannt, die Schlechtigkeit gesehen, und sich vehement geweigert dort mitzumischen. Sein Leben schwankt zwischen Misanthropie und der Not dieser Einsamkeit zu entkommen, sich dem Menschen zuzuwenden.

Dabei zeigt dieser unbekannte Protagonist so wunderbar auf, welche Gemeinheiten in uns stecken, redet zynisch und böse und hält uns den Spiegel vor.

Ganz zum Schluss hätte er vielleicht aus dem Kellerloch heraus gekonnt, da war eine seelenverwandte Hand. Doch leider gab er das Treten von oben nach unten, die verletzende Erniedrigung, die er seit Kindesbeinen erlebt hatte, dann weiter.

>>Ich verstand eben nicht, dass sie absichtlich den Spott als Maske gebrauchte, dass dies der gewöhnliche letzte Kunstgriff schamhaft und keusch empfindender Menschen ist, in deren innerstes Empfinden sich jemand in roher, rücksichtsloser Weise eindrängt, und die sich aus Stolz bis zum letzten Augenblick nicht ergeben und sich scheuen, vor einem Fremden ihre Empfindungen zu äußern.<<

Diese kleine Novelle ist auch ein Anspielung auf den Leser überhaupt. Wie weit entwickeln wir uns zu diesem X, kapseln uns ab und leben lieber in der Vergeistigten-Welt als unter Menschen, die uns nicht verstehen wollen und können. Ich denke, jeder von uns hier, der eine mehr, der andere weniger, schafft sich seinen eigenen Raum und das ist auch gut so. Natürlich sollte man dabei das Leben neben der Kunst/Literatur noch wahrnehmen und leben. Diese Novelle stellt zwar eine arge Übertreibung dar, aber sie hält uns so humorvoll den Spiegel vor.

>>Jetzt ist es mir vollkommen klar, dass ich selbst infolge meiner grenzenlosen Eitelkeit und, im Zusammenhang damit, infolge der maßlosen Ansprüche, die ich an mich selbst stellte, mich sehr häufig mit einer grimmigen, bis zum Ekel gehenden Unzufriedenheit betrachtete …<<

Krümel

Anaconda Verlag 2008, OT: Sapiski is podpolja (Petersburg 1864), Übersetzung: Hermann Röhl, Hardcover 2,95 €, 191 Seiten, ISBN: 978-3-86647-307-2

“Die Hauptmannstochter” von Alexander Puschkin

tochter.gifPuschkin schreibt mit sehr viel Humor und Ironie diese Erzählung, die die Bauernaufstände von 1773 bis 75 als historischen Hintergrund aufweisen, und drum herum eine Liebesgeschichte umspannt.

Der Ich-Erzähler, ein junger Adeliger, soll zum Mann reifen und deshalb die Militär-Laufbahn absolvieren. Er wird von seiner Mutter getrennt und nicht nach Petersburg oder Moskau zum flanieren geschickt, sondern in die Provinz. Und dort übernimmt ein Hauptmann seine Erziehung!

>>„Ach laß doch“, erwiderte die Hauptmannsfrau, „ ´s ist alles nur Gerede, daß du den Soldaten was beibringst – weder werden die Leute draus klug noch verstehst du was davon. Solltest lieber zu Hause sitzen und beten, das wäre vernünftiger. <<

Mehrmals wurde ich in dieser Erzählung an den großen Roman „Krieg und Frieden“ von Tolstoi erinnert, denn das Truppenchaos in Russland muss es wirklich gegeben haben, da die Beschreibungen äußerst ähnlich sind.

>>Ein Kinderpelz, den ich einem Landstreicher geschenkt hatte, rettete mich vor dem Galgen, und ein Säufer, der sich von Schenke zu Schenke herumtrieb, belagerte Festungen und erschütterte den Staat!<<

Eine zauberhafte Geschichte, allerdings auch kurzweilig, vielleicht weil für uns das damalige (wie heutige) Russland immer etwas fremd bleibt, und eigentlich nur dieses märchenhaft verklärte in Erinnerung bleibt.

Krümel

Büchergilde Gutenberg 2009, Übersetzung: Arthur Luther, Illustrationen von Vitali Konstantinov, Gebundene Ausgabe €, 215 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6218-2

“Rot und Schwarz” von Stendhal

Ich begann meine Lektüre mit der Albatros Ausgabe, die von Walter Widmer übersetzt ist, und kam gar nicht in das Buch hinein. Die Sprache war kompliziert gesetzt und sehr umständlich zu lesen.

>>Will ich von ihnen und auch vor mir geachtet sein, so muß ich ihnen zeigen, daß meine Armut mit ihren Reichtum einen Handel eingegangen ist, daß aber mein Herz himmelhoch über ihrer frechen Anmaßung erhaben ist und ihre kleinlichen Bezeugungen von Gunst oder Verachtung es nicht erreichen können.<<

Zudem hatte ich von Anfang an Schwierigkeiten mit dem Protagonisten, denn ich konnte seinen Charakter nicht nachvollziehen. Alleine auf Juliens Erziehung und Kindheit, was evtl. das Zornige und Aufbrausende erklärte, auch die Gier nach Anerkennung war verständlich, aber all diese Hinterlist, das Berechenbare, erklärte dann das Jämmerliche und Weinende nicht. Woher stammt der ganze Hass? Auch sein ganzes Äußere, zierlich, weiches Gesicht, sinnlich und schüchtern, passte nicht zur Gestalt, die da im Buch vorgestellt wurde.

Nach dem ersten Viertel las ich dann in der dtv Ausgabe, übersetzt von Elisabeth Edl, weiter. Sprachlich scheint diese Übersetzung näher am Werk zu sein, und sie liest sich auch wesentlich flüssiger. In dieser Ausgabe ist ein ausführliches Nachwort zu finden, was so einiges Unklare im Werk aufschlüsselt und versucht ins helle Licht zu rücken. Dennoch war ich nie irgendwie begeistert vom Werk als es mir dort nahegelegt wurde.

>>Nicht nur Beyles (Stendhal) Freunde, auch die meisten Zeitungskritiker nahmen vor allem Anstoß an der, ihrer Meinung nach, übertriebenen, unwahrscheinlichen Figur der Mathilde, an dem widerwärtigen Arrivisten Julien, der verzerrten, outrierten Darstellung der Pariser Gesellschaft. … Nur wenige Zeitgenossen konnten Stendhals Roman positive Seiten abgewinnen, zu ihnen gehörte Balzac.<<

Die einzige Erklärung für die Missgestaltung der Figuren im Buch scheint mir, dass Stendhal hier eher Übertragungen entwirft um seine Gesellschaftskritik anzubringen als wirkliche Charakteren zu entwickeln.
Nur mit Mühe und Ausdauer habe ich dieses Werk beendet und schon jetzt ist es mir vom Inhalt her nur vage im Gedächtnis. Es hat also keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Krümel

Deutscher Taschenbuch Verlag 2010, OT: Le Rouge et le Noir, Übersetzung: Elisabeth Edl, TB €, 872 Seiten, ISBN: 978-3-423-13525-2

stendhal.jpg

“Middlemarch” von George Eliot

Ein ermüdendes Gesellschaft.- und Sittenprotrait der Provinz im Viktorianischen England!

Über 1200 Seiten umfasst dieser meiner Meinung nach „historische Schinken“, der aus der Feder einer Frau entsprang – Mary Ann Evans – jedoch unter dem o.g. männlichen Pseudonym bekannt wurde. Der Roman umspannt vorwiegend das Thema Liebe, aber auch Standesdünkel, Politik und Gesellschaft, sowie Kunst und Religion. Drei Liebesverhältnisse tragen die Handlung, wobei Dorothea Brooke im Mittelpunkt steht.

Diese schöne junge Dame ist moralisierend wie eine Heilige, doch tief im Herzen lodert eine große Leidenschaft in ihr. Sie schwärmt für den Geistlichen Casaubon, der ihr Vater sein könnte und ein großes historisches Werk in Arbeit hat. Die Protagonistin verliebt sich in ein Bild, der dienenden Gattin, die ihren Mann zur Seite steht und mit ihm gemeinsam sein Lebenswerk vollbringen möchte. Also ihr Sein völlig aufopfert für sein Wohl.
Doch schon auf der Hochzeitsreise muss die junge Dame erkennen, dass ihr Gatte ihre bereitwillige Selbstaufgabe missversteht und ablehnt. Auch dass sein historisches Werk schon längst überholt ist, da er sich selbstüberschätzend Innovationen verwehrt.

>>Ich wenigstens habe viel damit zu tun, gewisse menschliche Schicksale zu verwirren und herauszufinden, wie sie gewoben und miteinander verwoben sind, so daß alles mir zu Verfügung stehende Licht auf dieses besondere Gewebe konzentriert werden muß über jene verlockende Reihe wichtiger Einzelheiten, das Universum genannt, zerstreut werden darf.<<

Dr. Lygate heiratet unterdessen die wunderschöne Rossamond, die mehr seiner adeligen Abstammung anhimmelt als seiner Berufung, der Medizin.
Und so tut sich um den Ort „Middlemarch“ ein gesellschaftliches Leben auf mit tiefen Charakterdarstellungen, Einblicke in die damalige politische Lage, das Leben in der Provinz zum Stadtleben. Alles in Allem trägt dieser Roman die Anlage eine fesselnde Lektüre zu sein, wenn nicht diese Protagonistin eine Heilige verkörpern würde.

Sie erzählt mit erhobenem Finger wie eine Moralapostelin, ihr Ton ist anklagend, drohend und belehrend, und das ermüdet. Ferner sind die Figuren im Roman entweder Schwarz oder Weiß und bleiben es auch. Grautöne gibt es nicht. Überraschende Wendungen sucht man vergebens, die Handlung ist immer voraussehbar!

Krümel

Anaconda Verlag 2010, OT: Middlemarch. A Study of Provincial Life (Edingburgh 1871/2), Übersetzung: Irmgard Nickel, Hardcover 9,95 €, 1207 Seiten, ISBN: 978-3-86647-553-3

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch

holozan.jpgHerr Geiser, 74, Witwer, lebt alleine in einem Tal in den Tessiner Alpen. Ein Unwetter trennt nun zu Beginn der Geschichte das Tal von der Außenwelt ab und der Leser taucht in die Welt des Herrn Geiser ein:

Sehr sachlich analysiert Herr Geiser seine Situation, er listet die vorhandenen Lebensmittel auf und schreibt nebenher eine Liste über Donnerarten, die das Unwetter im Laufe der Tage über das Tal krachen lässt.

Nachdem er diese Donnerarten niedergeschrieben hat, entwickelt Herr Geiser ein großes Interesse an Wissen, vorwiegend geologisches Wissen, über die Erdgeschichte, aber auch über Dinosaurier und das Tessin. Er sammelt Fachwissen aus Lexika, später schneidet er sogar die einzelnen Artikel aus den Büchern heraus, und all sein „Wissen“ wird an den Wänden seines Hauses befestigt.

„Ob es Gott gibt, wenn es einmal kein menschliches Hirn mehr gibt, das sich eine Schöpfung ohne Schöpfer nicht denken kann, …“

Die Ebene, die sich speziell um den Witwer dreht, ist von einer präzisen Anmut gezeichnet, und spiegelt ein Menschenschicksal. Die philosophischen Gedanken des Herrn Geiser verkörpern eine weitere Ebene und darüber hinaus sind die Zettel an der Wand eine Ebene, die alles umfasst. Somit vereint dieses schmale Büchlein nicht nur einen Mikrokosmos eines einzelnen, sondern auch den Makrokosmos.

„Manchmal fragt sich Herr sich Herr Geiser, was er denn eigentlich wissen will, was er sich vom Wissen überhaupt verspricht.“

Meine Gedanken: Vielleicht erscheint der Mensch auf seinen geistigen Höhepunkt im Holozän, doch könnte es sein, dass all sein Wissen nicht an der Tatsache vorbeiführt, dass wir das gleiche Schicksal der Dinosaurier erleiden und ihnen folgen werden. Ist der Mensch genauso endlich wie der Mikrokosmos des Herrn Geiser?

„Was heißt Holozän! Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.“

Krümel

Suhrkamp Verlag 2011, Taschenbuch 7 €, 146 Seiten, ISBN: 978-3-518-46238-6

“Stiller” von Max Frisch

stiller.jpgDie große Identitätskrise oder die Verurteilung zum Ich ohne Wandlungsmöglichkeit!

„Einer“ wird in der Schweiz verhaftet, da er „Stiller“ sein soll und irgendetwas auf dem Kerbholz (Spionage oder so) haben soll. Was allerdings unwesentlich ist, vielmehr dass dieser Einer fortwährend diese Identität abstreitet. Nun sitzt er in Untersuchungshaft und alle, der Verteidiger (dieser spricht ihn gleich mit „Stiller“ an – Situationskomik pur), der Staatsanwalt und gar seine Frau, Schwager, seine Freunde, sein Vater, alle lassen nicht davon ab, dass „Einer“ „Stiller“ ist. Nur dieser streitet das vehement ab, erzählt Geschichten über Geschichten, nennt sich Mr. White und schreibt den ersten Teil des Buches nieder.

>>… - diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt, zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, daß ich mich wandle, …<<

Der Leser ist zunächst verunsichert, möchte er doch als neutraler Leser nicht diesen Fehler begehen und sieht den Verlauf der Handlung eher skeptisch. Später neigt man dann auch zu der Annahme, dass „Stiller“ „Stiller“ ist, aber es gibt auch immer wieder Situationen, bei denen man wieder zweifelt – was den Figuren im Buch nie in den Sinn kommt – wenn beispielsweise ein Zahn vorhanden ist, der gar nicht mehr vorhanden sein sollte.

Eindeutig wird die Identität nicht geklärt, aber spielt das eine große Rolle?

Im Buch geht es in der Hauptsache um die Beziehung zwischen Stiller und Julika. Fasziniert von diesem zarten blassen Wesen mit dem roten Haar, heiratet Stiller seine Göttin. Auch sie ist ihm still ergeben, aber das große Glück der Beiden bleibt aus. Sie erkrankt an Tuberkulose, muss in die Berge zu einer Kur, und er verlässt sie.
Als Begründung für diese Handlung wird immer wieder der Spanische Bürgerkrieg in der Vordergrund geschoben, in dem Stiller seine Pflicht nicht erfüllt und die „Feinde“ nicht erschossen hat. Schuldkomplexe tun sich auf und er ergreift die Flucht nach Amerika. Er bleibt sieben Jahre weg und nun hat man „Einen“ gefasst, der wie „Stiller“ aussieht.

Und es spielt doch gar keine Rolle, ob „Einer“ „Stiller“ ist oder nicht! Fakt ist doch, falls „Stiller“ „Stiller“ ist, hat er diese Identität abgelegt, oder er wünscht es sich diese Identität ablegen zu können, weil er damit nicht mehr leben wollte und konnte. Natürlich hat „Stiller“ dann eine Identitätskrise, wenn er „Stiller“ ist. Aber dies wird von außen nicht erkannt, geschweige akzeptiert. Einzig von Rolf dem Staatsanwalt, doch das klärende Gespräch wird erst geführt als Stiller zu Stiller verurteilt wird, damit leben muss und alles von vorne beginnt.

>>Sie (Julika und alle anderen) kann ihn nicht aus dem Bildnis befreien, das sie von ihm gemacht hat – dadurch steht sie auf der Seite der Gesellschaft und nicht auf der Seite ihres Mannes.<< (Wiki zu „Stiller“)

Ein beeindruckendes Werk, welches mir von den bisher gelesenen Büchern von Frisch („Homo Faber“, „Mein Name sei Gantenbein“ und „Der Mensch erscheint im Holozän“) am besten gefallen hat.

Krümel

Suhrkamp Verlag 2004, Sonderausgabe in Originalausstattung 1954, Hardcover 15 €, 577 Seiten, ISBN: 3-518-41661-8

“Der kleine Herr Friedemann” von Thomas Mann

friedemann.gifEine sehr anmutige Novelle, die mich tief bewegt hat!

Diese Geschichte ist quasi Thomas Manns erste Veröffentlichung, sie erschien 1897 als Zeitungsartikel noch ein Jahr vor den „Buddenbrooks“, und ein Jahr später erst in Buchform.

„Der kleine Herr Friedemann“ ist ein Bucklinger, der kurz nach seiner Geburt gefallen war und seit dem nie wieder aufrecht stand. Er ist ein Außenseiter, auch etwas kleinwüchsig, aber mit schönen und weichen Gesichtszügen. Als seine Klassenkameraden sich zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlten, erntete er eine gemeine Erniedrigung von einem Mädchen und so schwört er sich, nie wieder eine solche Demütigung erleben zu müssen. Er lebte seit dem sehr zurückgezogen „glücklich“ mit seinen Schwestern. Doch dann …

Schon in diesem ersten Werk von Thomas Mann geht es um die „Heimsuchung“ vom weiblichen Geschlecht aus, von der Sexualität. Und tiefe Melancholie schwappt trotz des Friedens und der „Harmonie“ im mittleren Teil aus jeder Zeile heraus. Da ist etwas was brodelt, was unter der Oberfläche schwelt. Ein Feuer, eine Leidenschaft …. In vielen späteren Werken erscheint dieses Motiv dann wieder.

Mich hat dieses knappe Büchlein sehr bewegt, tiefe Empathie empfand ich für den Protagonisten, aber auch für den Autor, der wohl dieses Gefühl sein ganzes Leben lang mit sich trug.

Krümel

Büchergilde Gutenberg 2000, Hardcover 21,90 € mit Illustrationen von Karl-Georg Hirsch, 100 Seiten, ISBN: 3-7632-5000-X

„Sommernacht“ Erzählungen von Elizabeth Bowen

sommernacht.jpgDas neue Haus

Diese Short Story wird in Dialogform transportiert. Wortführend ist zunächst die männliche Seite, der Bruder, und der Leser seine Sicht vorgetragen bekommt: Seine Schwester ist altbacken, für eine Heirat zu alt geworden, eine alte Jungfer eben, vielleicht etwas dümmlich und nicht gerade das, was sich eben ein Mann unter eine gute Partie oder Frau vorstellt. Aus diesem Grund redet er auch betont überheblich, mit einem gönnerhaften Lächeln im Gesicht. Ihre Zukunft sieht er in dem gerade neu bezogenem Haus, an seiner Seite, in der gewohnten Zweier-Gemeinschaft.
Dann übernimmt ganz überraschend die Schwester das Zepter des Gesprächs an sich …

Nur wenige Seiten ist diese Geschichte lang, aber mit so viel Atmosphäre und Dichte, von der so mancher Roman träumt. Und die Pointe vom Feinsten!

Was Menschen Übles tun

Dies ist eine sehr raffinierte Geschichte, deren Plott ich nicht vorweg nehmen möchte. Bowen zeichnet hier geschickt eine Charaktere einer einsamen Frau, setzt damit wieder eine tiefe Atmosphäre, in der der Leser richtig hinein gezogen wird … Doch Achtung, eine Short Story ist erst eine gute Short Story, wenn da ein guter überraschender Wendepunkt kommt ;-) Klasse Geschichte!

Es gab aber auch Erzählungen, die mir nicht so gut gefielen, beispielsweise „Charity“. In dieser Geschichte gibt es zwar einzelne Stimmungen, aber letztendlich sind sie nicht ausgereift. Es fehlt nicht an Fülle aber an Stimmigkeit. Mir schien es gerade bei dieser Geschichte, dass hier die Kürze nicht das richtige Maß für die Dichte des zu Erzählenden gewesen ist. Wäre ein ganzer Roman daraus entstanden, die vielen Figuren mit stichfesten Empfinden beschrieben … Mir fehlte dabei einfach das Runde, das Abgeschlossene.

Die Thematik der Geschichten kreisten alle um Konventionen, deren Überschreitungen oder Anpassungen. Insgesamt hat mich dieses Buch erreicht, und mir deutlich gemacht, dass ich von der Autorin noch einige Dinge lesen wollte und lesen werde.

Elizabeth Bowen wurde 1899 in Dublin geboren. Sie studierte nach dem I. Weltkrieg in London Kunst und veröffentlichte 1923 ihren ersten Erzählband. Insgesamt veröffentlichte sie 27 Bücher, wobei „Der letzte September“ von 1929 aber erst 2001 ins Deutsche übersetzt wurde. Ihr letzter Roman erschien 1968. 1973 verstarb die Autorin in England.

Krümel

Schöffling & Co. Verlag 2007, Übersetzung: Sigrid Ruschmeier mit einem Nachwort von Elsemarie Maletzke, Hardcover , 252 Seiten, ISBN: 978-389561-245-9