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Archiv der Kategorie Roman
“Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe” von Wolfgang Welt
31.1.2012 von Krümel.
Vorangestellt sei diese Feststellung: Dieses Buch von Wolfgang Welt ist ohne Frage für mich eines der Lesehighlights in 2011. In drei autobiographischen Romanen erzählt Wolfgang Welt aus seinem Leben. Es ist ein Leben, das den Autor sehr oft überforderte, dass er aber offensichtlich trotzdem gern gelebt hat und noch gern lebt.
Wolfgang Welt wurde 1952 in Bochum geboren, machte Abitur und begann dann mit dem Studium. Dieses Studium brach er dann relativ schnell ab und „tingelte“ als Musikjournalist für MARABO, SOUNDS und MUSIK EXPRESS durch die Lande. New Wave und Neue Deutsche Welle mussten sich von ihm so manchen kritischen Text gefallen lassen.
Wolfgang Welt nimmt kein Blatt vor den Mund, nimmt auf nichts und niemand Rücksicht – auch nicht auf sich selbst. So haben beispielsweise Peter Rüchel (Macher der WDR-Sendung ROCKPALAST) und auch Heinz Rudolf Kunze bei ihm absolut nichts zu lachen. Gerade Kunze scheint er mit Freuden „zu schlachten“. Dabei ist er von einer geradezu frappierenden Offenheit. Er beschreibt die Menschen so wie sie sind, dichtet ihnen keine Eigenschaften an nur um sie besser aussehen zu lassen, Wolfgang Welt ist ehrlich, teilweise von einer sehr verletzenden Ehrlichkeit.
In diesen drei Romanen beschreibt der Autor ein Leben, das ihn auch als Gehetzten zeigt. Immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen – als Musikredakteur ist kaum das große Geld zu verdienen – und immer auch auf der Suche und der Jagd nach dem nächsten Fick, wobei er dabei meistens auf die Schnauze fällt; die Damenwelt hat auf alles gewartet, garantiert aber nicht auf Wolfgang Welt. Aber Wolfgang Welt ist nicht nur ein Gehetzter, er ist auch ein Suchender, wobei ihm wahrscheinlich selbst nur schemenhaft klar ist, wonach er eigentlich sucht. Letztendlich landet er in der Psychiatrie. In großen Abständen schreibt er nach seinem Krankenhausaufenthalt dieses drei autobiographischen Romane.
Sein Elternhaus beschreibt er mit sehr viel Zuneigung. Es ist dieses Elternhaus, was für ihn immer wieder den sicheren Hafen darstellt, den man wohl braucht, wenn man ein solches Leben führt wie der Autor.
Die drei Romane in diesem Buch sind „Peggy Sue“, „Der Tick“ und es endet mit dem Roman „Der Tunnel am Ende des Lichts“. Dazu muss man wissen, dass Wolfgang Welt ein Hardcore Buddy-Holly-Fan ist und das der 3. Februar 1959 (an diesem Tag verunglückte Buddy Holly tödlich) für ihn ein schwarzer Tag ist. Wolfgang Welt ist zwar ein Hardcore-Fan, aber obsessiv verehrt er Buddy Holly nicht. Aber Wolfgang Welt ist auch ein großer Verehrer von Hermann Lenz und dessen Eugen-Rapp-Romane tauchen immer in diesem erzählten Leben auf.
Ein Buch von großer Ehrlichkeit, ein Buch mit Charakter. Ein Buch das eine Zeit wieder lebendig werden lässt die schon ziemlich lange zurückliegt oder die gerade erst vorbei ist – jede/jeder wird hier seine ganz eigene Sichtweise haben. Ein Buch das es unbedingt wert ist gelesen zu werden. Es passieren dort nicht die ganz großen Sachen, es passieren dort die Sachen die normal sind und es ist die Normalität die manchmal erschrecken kann, die manchmal ein lautes Lachen auslöst; es ist die Normalität die viele einfach banal als „Leben“ bezeichnen.
Und was macht Wolfgang Welt jetzt? Nachdem er 2002 ein Stipendium der Hermann-Lenz-Stiftung erhielt, arbeitet er jetzt als Nachtportier im Schauspielhaus von Bochum und hört regelmässig WDR 4.
Eine ganz persönliche Bemerkung: So leicht ist mir der Abschied von diesem Buch nach 488 Seiten nicht gefallen.
Jan
Suhrkamp Verlag 2006, Taschenbuch 15 €, 490 Seiten, ISBN: 978-3518457764
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“Seine Toten kann man sich nicht aussuchen” von Janine Binder
27.12.2011 von Krümel.
Janine Binder wurde 1981 geboren und ist seit 1998 als Polizeibeamtin im Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen tätig. Wie sie selbst schreibt, versucht sie durch das Schreiben ihre dienstlichen Erlebnisse zu verarbeiten – und man kann eigentlich dankbar sein, dass sie diese Art der Verarbeitung gewählt hat, hätte sie etwas anderes gefunden um ihre Erlebnisse zu verarbeiten, dieses Buch wäre wohl nicht geschrieben worden bzw. wäre wohl so nicht geschrieben worden.
Das Buch endet auf der Seite 252 mit dem Abschnitt „Feierabend“ – ich klappe das Buch zu versuche das Gelesene noch einmal Revue passieren zu lassen. Muss ich jetzt schnell in die Ordenskiste greifen und der Autorin für „großartiges Schreibwerk“ einen Orden verleihen oder soll ich den kritischen Gedanken, die sich immer mehr in den Vordergrund drängen, ein wenig mehr Raum geben? Ich denke, auch Kritisches sollte nicht verschwiegen werden – denn eine Lobeshymne zu schreiben hinter der man nicht voll steht, ist sicher nicht gewollt – wenigstens denke ich, dass die Autorin ein Recht auf eine ehrliche Meinung hat.
Janine Binder hat ein sehr interessantes Buch geschrieben und gibt ihren Lesern einen Einblick in die tägliche Arbeit der Polizei in unserem Lande. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Stadt Köln hier nur stellvertretend für die vielen Polizeistationen in Deutschland steht – die Arbeit wird wohl überall ähnlich sein.
Aber dieses Buch ist nicht nur interessant, es ist ganz sicher auch nicht alltäglich. In diesem Buch wird über einen Berufsstand berichtet, der im Laufe der Zeit sehr viele Nackenschläge und Kritik hat einstecken müssen und wenn ich zurückdenke mit wie viel Respekt man einem Polizisten in meiner Kindheit (die schon sehr lange zurückliegt) gegenübertrat, so ist von diesem Respekt leider nicht mehr viel geblieben. Dabei haben die Frauen und Männer die diesen Beruf ausüben unseren Respekt verdient – man muss sie nicht auf einen Sockel stellen, aber man sollte ihre Arbeitsleistung anerkennen, so wie man auch die Arbeitsleistungen vieler anderer Berufe anerkennen sollte. Aber leider ist es in unserer Zeit Mode geworden, ganze Berufsstände zu diskreditieren (man denke da beispielsweise an Lehrer, Zahnärzte, Beamte im Allgemeinen, Soldaten).
Highlight dieses Buches ist für mich ohne Frage die Geschichte „Ich hoffe, es geht dir besser, da, wo du jetzt bist“ – eine gefühlvoll erzählte Geschichte, ohne störende Sentimentalitäten und Weinerlichkeiten. Realistisch und zutiefst menschlich. Für mich ganz persönlich fast ein kleines Meisterwerk. Keine der anderen Geschichten wird in dieser fast schon unglaublichen Intensität erzählt. Vor der erzählerischen Leistung, jetzt bezogen auf diese Geschichte, kann man wirklich nur den Hut ziehen. Und auch nach mehrmaligen Lesen verliert diese Geschichte nicht ein Jota ihres ganz besonderen Flairs, ihrer ganz besonderen Atmosphäre.
Nach dem Zuklappen des Buches, nach dem Lesen der Seite 252 bleibe ich trotzdem ein wenig zwiespältig zurück. Es sind die kleinen Störfeuer, die kleinen Störgeräusche die meinen Leseeindruck, der auf den ersten Blick durchaus positiv ist, etwas eintrüben.
Es wird nicht leicht sein, dass zu erklären was mich stört.
Aber den Versuch einer Erklärung will ich gern wagen.
Das Buch vermittelt mir in seiner Gänze den Eindruck, es gebe zwei Arten von Menschen. Auf der einen Seite finden wir die Gutmenschen, die Polizeibeamtinnen und –beamten und auf der anderen Seite finden wir die Bürgerinnen und Bürger, die nur stören, die im Weg stehen, deren moralischen Werte völlig verschüttet sind und denen man immer wieder genau erzählen muss wie es denn im Leben so läuft.
Und das ist was ich hasse ohne Ende – wenn jemand mir versucht das Leben bzw. mein Leben zu erklären. Jetzt – nachdem ich kurz vor Beginn meines siebten Lebensjahrzehnts stehe, habe ich absolut keine Lust mir von irgendeinem picklichen Jüngling erklären zu lassen wie die Dinge laufen und wie ich mich seiner Ansicht nach zu verhalten habe. Wenn ich zu schnell gefahren bin, dann kann er mich gern belehren und im Rahmen der rechtlich geltenden Vorschriften tätig werden – was ich mir aber verbitte ist, das mir irgendwelche Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben werden – an die sie bzw. er sich wahrscheinlich selbst nicht hält.
Die Polizei ist keine Instanz zur Überwachung der moralischen Werte.
Ich hasse diese moralisierenden Polizeibeamten (vorzugsweise finden wir diese in irgendwelchen Fernsehserien) oder diese jungen Richterbengel, die meinen, sie wüssten wie die Dinge laufen. Sie wissen gar nichts!
Was ich sagen will ist – die Polizei in unserem Land ist die Ordnungsmacht, sie bestimmt aber eben nicht die kulturellen Wertmaßstäbe unserer Gesellschaft, die Polizei hat eine klar umrissene Aufgabe so wie beispielsweise die Schule auch. Diese Aufgaben sind gesetzlich geregelt und nicht von Gott gegeben.
Leider hat sich bei mir der Eindruck im Laufe meiner Lektüre verfestigt: Hier auf der einen Seite eben, wie bereits erwähnt die Gutmenschen und auf der anderen Seite die Anderen, die Doofen, die, die so gar nichts vom Leben wissen, die Unwichtigen halt.
Nichtdestotrotz hat Janine Binder ein lesenswertes Buch geschrieben und man darf gespannt sein wie es mit ihr „autorenmässig“ weitergeht. Sie schreibt klar, sie beschreibt präzise und schafft es eben auch mit Worten Bilder entstehen zu lassen.
Was gibt es noch zu sagen?
Auf der letzten Seite da wird dann einmal von den „schwarzen Schafen“ gesprochen. Aber schon im nächsten Satz wird dann schnell wieder relativiert. „Aber in der Hauptsache sind wir alle ganz in Ordnung…..“ ein Satz der so leider nicht unbedingt stimmt. Wer schon einmal in einer disziplinarrechtlichen Sache gegen den Korpsgeist der Polizei ermittelt hat, der weiß, wie ungeheuer schwierig das ist. Jahr für Jahr haben wir es mit einer ganzen Reihe von Disziplinarfällen zu tun – wobei natürlich nicht in jedem Fall ein tatsächliches Fehlverhalten einer Polizeibeamtin oder eines Polizeibeamten festgestellt wird.
Ich hätte mir – gerade auch in diesem Buch – ein wenig mehr Selbstreflexion gewünscht, jetzt auch bezogen auf die Polizei in ihrer Gesamtheit.
Das soll es jetzt ab auch gewesen sein.
Ein durchaus lesenswertes Buch – wer die Gelegenheit hat es zu lesen, der sollte es lesen – man erfährt eine ganze Menge über unsere Polizei und den wirklich harten Job, den die Beamtinnen und Beamten Tag für Tag verrichten.
Jan
Piper Verlag 2011, Taschenbuch 8,99 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3492273145
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„Totentöchter“ von Lauren de Stefano
21.12.2011 von Krümel.
In einer nicht allzu fernen Zukunft: Wissenschaftler wollten den Menschen gegen Krankheiten alle Art immun machen. Für eine Generation ist dieser Wunsch auch geglückt, doch alle ihr nachfolgenden sterben in jungen Jahren: Männer im Alter von 25 Jahren und Frauen gerade mal mit 20 Jahren.
Die 16-jährige Rhine hat somit nur noch vier Jahre zu Leben, als sie entführt wird. Rhine und zwei weitere Mädchen werden die Bräute von Linden und sollen ihm möglichst viele Kinder gebären. Doch Rhine denkt gar nicht daran ihr restliches Leben in einem goldenen Käfig zu verbringen. Sie möchte frei sein und beschließt zu fliehen.
„Totentöchter“ ist – wie so viele Bücher in letzter Zeit – der Auftakt zu einer Trilogie. Und dieser Auftakt hat es in sich.
Alleine die Vorstellung, dass der Tod auf Grund eines Virus unausweichlich ist und wie eine Zeitbombe mit dem Erreichen des richten Alters losgeht, ist beängstigend. Jedoch ist es noch viel beängstigender wenn man bedenkt, dass diese Disutopie alles andere als abwegig ist.
Die Autorin schafft es, dass das beklemmende Gefühl, das einen alleine schon bei dieser Vorstellung ereilt, greifbar wird. Man spürt beinah die Enge des Hauses, in das Rhine gesperrt wird und hat ebenso wie sie Angst, dass die Fluchtpläne entdeckt werden.
Rhine selbst war mir von Anfang an sympathisch. Sie erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht als Ich-Erzählerin. Somit hat man zwar einen leicht eingeschränkten Blickwinkel auf die Ereignisse, aber es macht die Erzählung gleichzeitig auch bedrückender, da man als Leser sich so wesentlich leichter und besser in die Situation hineinversetzen kann.
Die Handlung selbst ist spannend und ereignisreich. Schneller als man sich versieht, hat man wieder ein Kapitel beendet. Jedoch verliert die Handlung im letzten Drittel etwas von diesem Schwung, da Rhine sehr viel, beinahe zu ausführlich, über den Alltag berichtet.
Das Ende ist der Autorin sehr gut gelungen: Zum einen ist es schon in sich abgeschlossen. Leser, die kein Interesse mehr an den beiden Folgebänden haben, können es leicht mit „Totentöchter“ bewenden lassen. Gleichzeitig ist das Ende jedoch offen genug, sodass sich ein weiteres Abenteuer Rhines anschließen lässt.
Mir hat „Totentöchter“ sehr gut gefallen und ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Teil.
Den Roman kann man als solchen lesen und genießen – soweit dies bei der Thematik möglich ist – zum anderen kann man sich von ihm jedoch auch zum nachdenken über das Leben anregen lassen.
Für mich ein gelungener Auftakt zu einer hoffentlich auch weiterhin spannenden Serie!
Rebecca
cbt Verlag 2011, Übersetzung: Catrin Fischer, Hardcover 16,99 €, 400 Seiten, ISBN: 978-3570161289
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“Matigari” von Ngũgĩ wa Thiong’o
16.12.2011 von Krümel.
Was für ein Roman – seltsam, weil ein schwarzer Kämpfer, der gegen weiße Kolonisten gekämpft und gesiegt hat, seine Waffen vergräbt und nun um seine Lenden ein Band des Friedens trägt, in der zivilisierten Welt Kenias, und das ist das Seltsame, als ein Mensch erscheint, der an Jesus Christus erinnert. Er befreundet sich mit den Ärmsten der Armen, einem Jungen, der wie andere Jungen in einem Autowrack sein Hause gefunden hat, stolz darauf ist, dass es ein Mercedes Benz ist, und auch mit einer Prostituierten sich befreundet, die, um ihre Geschwister zu ernähren, sich verkaufen musste. Matigari, so heißt der kenianische Christus, vollbringt mutige Taten, ihm werden Wunder nachgesagt, niemand weiß, wer er wirklich ist, niemand weiß, ob er wirklich der wiedergeborene Christus ist, oder einfach nur ein mythischer Hoffnungsträger, der die Menschen aus ihrer Armut treiben könnte, ihm zugetraut wird, er könne Frieden und Gerechtigkeit ins Land bringen, das Volk darum hinter ihm steht. Eines der Großartigkeiten des Romans ist, dass der Schleier des Geheimnisvollen dem Matigari nie entrissen wird.
Weitaus gefehlt an einen frömmelnden Roman zu denken, an einem Jesus, der nun endlich gekommen ist um Kenia aus dem Sumpf von Korruption, Machtgier, verlogener Politik, Ungerechtigkeit und Bevölkerungsarmut zu ziehen. Himmel sei Dank. Trivialitäten sind aber keine Werkzeuge des Autors. Ngũgĩ wa Thiong’o verwendet die Figur des Matigari um auf die Missstände seiner Heimat aufmerksam zu machen, nicht zu warten auf das Neue Jerusalem, wo alles schöner sein soll als auf der versündigten Erde, sondern aufstehen, handlungsbereit und keine Angst zeigen, denn Angst lähmt.
Pazifisten werden aufmucken, weil nicht ganz eindeutig gezeigt wird, inwieweit Matigari wirklich zu Gewalt schreiten würde, um normale Rechte zu verteidigen. Die Kolonialisten, die ihm sein Haus geraubt haben, bringt er jedenfalls um. Das hätte Jesus nicht bewerkstelligt. Nun ist Matigari drauf und dran, die Söhne der Kolonisten zu vertreiben, weil sich inzwischen diese Halunken sich seines Hauses bemächtigt haben. Der Kampf geht also weiter.
„Der Baumeister baut ein Haus.
Jener, der beim bauen zugeschaut hat, zieht ein.
Der Baumeister schläft draußen,
ohne Dach über dem Kopf……..
……….
Der Arbeiter stellt Waren her.
Ausländer und Schmarotzer verfügen darüber.
Der Arbeiter steht mit leeren Händen da.“
Allein Wahrheit und Gerechtigkeit suchen und darüber reden hilft nicht, darum will Matigari wieder zu den Waffen greifen. Das ist die wichtige Konsequenz die Matigari zieht, und damit kritisiert der Autor meines Erachtens auch das Friedensgerede von Kirchenleuten, die nur reden können aber keinen Frieden, Gerechtigkeit o.ä. schaffen können. Auf der Erde muss man was dafür tun, im Himmel, möge es ihn geben, ist sowieso Frieden (über diese Thematik gibt es ein Gespräch zwischen Matigari und einem Pfarrer).
Glanzvoll dargestellt ist, wie ein totalitär fieser Staatsapparat funktioniert, der dann auch noch von den USA und von der Europäischen Gemeinschaft mit Waffen und Finanzspritzen versorgt wird. Das ist so gut erzählt, dass es jeder versteht. Wenn wir lesen, einige unbequeme Bürger werden als geisteskrank ins Irrenhaus gesperrt, so dürfen wir gerne an die DDR denken, auch wenn der Roman in Kenia spielt.
Ein politischer Roman mit einer Prise Abenteuer. Im Oktober 1986 erschien der Roman in Kenia. Sehr abenteuerlich mutet es an, als im Januar 1987 Berichte der Geheimpolizei erzählten, dass von Bauern in Zentralkenia ein Gerücht ausging, ein gewisser Matigari wandere durch das Land und fordere Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Polizei wurde beauftragt, diesen Matigari festzunehmen, bis sie darauf kamen, er sei nur eine Romanfigur. Buchhandlungen wurden durchsucht, der Roman wurde beschlagnahmt.
mArtinus
Hammer Verlag 1991, 210 Seiten, ISBN: 978-3872944498 - vergriffen
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“Der letzte bekannte Wohnsitz des Mickey Acuna” von Gib Dagoberto
14.12.2011 von Krümel.
Das YMCA von El Paso ist der Ort für hoffnungslos Gestrandete, billige Zimmer mit Bad im Flur, pappdünnen Wänden im trübsinnigen Anstrich voneinander getrennt. Mickey Alcuna möchte nur kurzzeitig einmieten, weil vielversprechende Post auf ihn wartet, dessen Inhalt ungewiss bleibt, womöglich ein mit Geld gefüllter Umschlag, um in seinem Leben endlich durchstarten zu können. So richtet er sich ein und überbrückt sein Warten mit den neuen Nachbarn, die sich mit Geschichten über Wasser halten, Geschichten über bessere Zeiten, die manchmal den realistischen Rahmen verlassen. Mickeys erlebte Erzählungen werden derart mit fiktiven Elementen verdünnt, bis es ihm unmöglich wird, von Erlebtem und Ausgedachten zu unterscheiden. Die misstrauischen Blicke seiner Freunde lassen ihn erkennen, dass er allmählich verrückt wird. Als Leser unterhaltsam, wenn sich angebliche Ereignisse als Missverständnisse herausstellen.
Sehr plastisch schildert Gilb diese Welt der Gescheiterten, die irgendwie alle auf Post warten, die einzig verbeibende Hoffnung auf den Freibrief aus der Misere. Und alle werden sie enttäuscht, wenn die Fächer leer bleiben. Es enthält etwas Absurdes à la Godot, der nie in Erscheinung tritt. Einziger Trost findet sich bei den abendlichen Flirts und in der Kantine des YMCA, wo regelmäßig Tischtennisturniere unter Bewohnern stattfinden - Spiel als existentieller Lebensinhalt, weil jeder Mensch mal einen Erfolg benötigt um nicht unterzugehen.
Patrick
Bvt Berliner Taschenbuch Verlag 2003, Übersetzung: Werner Schmitz, TB vergriffen, 272 Seiten, ISBN: 978-3442761548
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„Die Farben der Insel“ von Kristín Marja Baldursdóttir
7.12.2011 von Krümel.
Ganz so wunderbar geht es nicht weiter, der zweite Teil hat Längen.
Karitas kann sich von der Insel losreißen: die Kinder sind aus dem Haus, der Ehemann ist irgendwo in der Weltgeschichte und sie startet ihren zweiten Anlauf zum Erfolg in Paris. Doch da kommt ihr jüngster Sohn ihr in die Quere und hinterlässt ihr sein Kind damit er zur See fahren kann. Wild entschlossen nimmt sie ihr Enkelkind einfach mit nach Paris, mietet ein Atelier, lernt französisch und macht sich mit um mit einen Namen in der Kunstwelt.
Der zweite Teil ist nun in der Ich-Form geschrieben und die Kapiteleinführungen beschreiben Karitas Bilder:
>>Tinte und Aquarellfarben auf Papier
Die Farbe hat sich aus den Fesseln der Form gelöst, und zunächst scheint es sich um eine reine Abstraktion zu handeln, nur undeutliche Saiten, die an ein Instrument erinnern, verleihen dem Werk vielschichtigere Nuancen. Es kommt einer lyrischen, formauflösenden Abstraktion nahe, … <<
Der Mittelteil dieses Buches, also nachdem die Protagonistin wieder Daheim in Island ist und mit ihren Freundinnen sowie ihrem Enkelkind zusammen wohnt, der ist mir um viele Stellen zu lang gewesen. Diese Eintönigkeit vergällt einem den Lesespaß, doch der Schluss tröstet dann über vieles hinweg. Als Leser denkt man sich, „endlich! und warum erst so spät?“, denn die Eises-Kälte Karitas bleibt unerklärlich. Muss man dazu Isländerin sein?
Kristín Marja Baldursdóttir ist eine der bekanntesten Journalistinnen und Schriftstellerinnen in Island. Die Autorin lebt in Reykjavik. Weitere Romane sind: „Möwengelächter“, „Kühl graut der Morgen“, „Hinter fremden Türen“ und „Die Eismalerin“. Die Autorin lebt in Reykjavik.
Krümel
Krüger Verlag (S. Fischer) 2010, OT: Óreida á striga 2007, Übersetzung: Coletta Bürling, Hardcover €, 558 Seiten, ISBN: 978-3-8105-0264-3
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“Der Friedhof in Prag” von Umberto Eco
5.12.2011 von Krümel.
Ein Roman, der lieber ein Sachbuch gewesen wäre!
Umberto Eco ist Autor von Sachbüchern, Essays und Romanen. Sein neuster Roman „Der Friedhof im Park“ handelt von fiktionalen Quellen, die eine Weltverschwörung der Juden belegen sollen. Dieses Pamphlet, eine Fälschung, entstand wenige Jahre nach 1897, dem zeitlichen Ende des Romans, in diesem Jahr der Protagonist des Romans, der Antisemit, Vielfraß und Frauenhasser Simone Simonini, in Paris sein Tagebuch schreibt, in dem er die Vorgeschichte dieser Fälschung darlegt, Die Protokolle der Weisen von Zion. Dieses Lügenwerk war den Nazis willkommen, einige Unverbesserliche halten diese Protokolle für wahr, wie der Holocaustleugner und Bischof der Piusbruderschaft Richard Williamson, der diesen Unsinn als „gottgesandt“ einstuft.
Der in Paris lebende Simone Simonini ist die einzige Figur des Romans, die Umberto Eco der Fantasie entsprungen ist, alle anderen Personen sind historisch belegt. Trotzdem ist Simonini auch nur eine Collage von mehreren Personen, die es im neunzehnten Jahrhundert gegeben hat. Ich gehe davon aus, und vieles spricht dafür, dass der Roman größtenteils aus Textcollagen besteht. Das ist eine Kunst, deren Thomas Mann sich auch gerne bedient hat. Schwierigkeiten, die bei der Lektüre vorkommen können, kann zu einem Teil einer historischen Unkenntnnis des Lesers ursächlich sein. Das schreibe ich mal so provokant hin, als ob man dem Leser Vorwürfe machen könnte. Das ist natürlich Unsinn. Es liegt immer noch in der Verantwortung eines Schriftstellers, wie er einen Roman konzipiert. Um es kurz zu machen: In den Kapiteln um Garibaldi und Napoleon III. begann es schon, dass ich inhaltlich den Faden verlor, vieles verständnislos wurde, weil meine Bildung (oder Unbildung) versagte. Nach der Lektüre ist man gescheit: Ach, hätte ich vor dem Schinken die Geschichte Italiens und Frankreichs studiert, dann hätte ich mehr vom Roman gehabt. Eine große Hilfestellung während der Lektüre war der wikipedia-Artikel „Protokolle der Weisen von Zion.“ Momentmal. Erstmals ist es mir passiert, dass ich einen Roman in etwa nur folgen konnte, weil ich einen bestimmten wikipedia- artikel zur Verfügung hatte. Das kann ich gar nicht gutheißen. Sicher, Eco hat recherchiert bis in die letzten Winkel. Sogar die Theosophin Madame Blavatzky findet Erwähnung, wir erfahren auch nebenbei, Simonini sei mit Alphonse Daudet befreundet, dieses aber hätte gar nicht erwähnt werden müssen, denn Daudet taucht im Roman niemals auf, Victor Hugo wird zweimal erwähnt, George Sand und Chopin dürfen natürlich auch nicht fehlen, natürlich auch nicht Charcot, Freud, Hysterieforschung, Mesmerismus. Was ich sagen will, Umberto Eco packt alles in dem Roman hinein, als ob er das ganze Paris in den Roman packen wolle, obwohl niemandem aufgefallen wäre, wenn Simonini mit Daudet nicht befreundet gewesen wäre. Das mag eine Liebelei von Umberto Eco sein, der aus Freude an seiner überaus großen Bildung alles in den Roman hineinfließen lassen wollte.. Unbedingt nötig ist das nicht, eher eine Überfrachtung, allerdings das herrliche wunderbare Kapitel um Freud, Charcot und Hysterie für den Roman unverzichtbar ist. Ja, naturlich. wunderbare literarisch gut ausgeformte Passagen gibt es natürlich wie auch der einführende Monolog Simoninis, auch wenn dieser Monolog an Gehässigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Dass sogar Dostojewskij (seltsamerweise?) für eine Weltverschwörung herhalten muss, hätte wohl niemand erwartet. Dostojewskij sei ein guter Rhetoriker heißt es. Erst zeige er Verständnis für die Juden und drücke seine Hochachtung aus,
>> dass alles, was Humanität und Gerechtigkeit erfordere, alles was Menschlichkeit und das christliche Gesetz erfordere, für die Juden getan werden muss…<<
und dann wird gesagt, Dostojewskij hätte ausführlich beschrieben,>>wie diese unglückliche Rasse darauf abziehlt, die christliche Welt zu zerstören.<<
Natürlich hätte ich gerne gewusst, wo diese Ausführungen Dostojewskijs im Werk dieses Schriftstelles zu finden ist, Eco allerdings in einem Roman nicht zu Quellenverweisen verpflichtet ist. Allerdings, wenn ich mir die zweite Hälfte des Romans anschaue, hätte ich mir gewünscht, Umberto Eco hätte sich für die Form eines Sachbuches entschieden. In der zweiten Hälfte des Romans verarbeitet Eco fast nur abstruse fiktive Ideen aus der Literatur, z,B. Hermann Goedsche, der in seinem Roman „Biarritz“ höchst seltsames über Juden verfasste und LéoTaxil, der abstruses über satanische Riten und Freimaurerei veröffentlicht hat, was nun ein gefundenes Fressen für den bösartigen Simonini ist. Allerdings ebbt dies bischen Romanhandlung im Roman ziemlich ab, dass ich mich wirklich fragen muss, warum dieses Buch nicht ein erstklassiges Sachbuch geworden ist, jetzt aber einen unausgegorener Roman vor uns liegt, dabei aber nicht vergessen werden darf, Umberto Eco den wunderbaren großartigen Roman „Der Name der Rose“ geschrieben hat. Ein Roman mit Historie, Theologie, Philosophie; dieses Werk aber ein großartiger Roman geworden ist, den ich ohne Sekundärliteratur inhaliert habe. Ein großes Vergnügen. Trotzdem hatte der Verlag eine „Nachschrift“ veröffentlicht.. Für „Der Friedhof im Park“ halte ich einen Kommentar mit Quellen für notwendig. Ein paar wikipedia-artikel als Sekundarmaßnahme ist mir einfach zu bleich.
mArtinus
Hanser Verlag 2011, Übersezung: Burkhart Kroeger, Hardcover 26 €, 528 Seiten, ISBN: 978-3446237360
Geschrieben in mArtinus, Roman | 6 Kommentare »
“Solar” von Ian McEwan
2.12.2011 von Krümel.
Michael Beard: Physiker, Nobelpreisträger, fünf Ehen, keine Kinder, ungezählte Affären. Ein Anti-Held, der sich arrogant und selbstsicher durch die Welt bewegt und Probleme am liebsten durch Ignorieren löst. Seine Karriere lebt von seiner einzigen, großen wissenschaftlichen Leistung, dem Beard-Einstein-Theorem, das ihm neben dem Nobelpreis, eine Vielzahl von Positionen im Wissenschaftsbetrieb eingetragen hat. Im Jahr 2000, als die Handlung beginnt, leitet er ein Institut für Erneuerbare Energie. Doch wissenschaftliche Arbeit im eigentlichen Sinne leistet er nicht: er gibt sein Renommee, andere denken und forschen. Auch das Thema “Klimawandel” interessiert ihn eigentlich nur randwertig. Mehr beschäftigt ihn (neben der nächsten Nahrungs- und Alkoholaufnahme) sein Privatleben: seine fünfte Frau Patrice legt sich ebenfalls einen Liebhaber zu und Michael entdeckt seine Leidenschaft für Sie neu. Doch dann spielt das Schicksal Michael eine Erfindung in die Hände, die das Zeug hat, die Sonnenenergie auf neue Art zu nutzen, den Klimawandel zu beenden und die Welt mit genug Energie zu versorgen….
In drei Teilen umfasst der Roman die Jahre 2000, 2005 und 2009 und begleitet sowohl Beard und “seine” Erfindung auf dem Weg zur Serienreife als auch Beards Privatleben, das er nie im Griff zu haben scheint.
Ein Roman, in dem die Ausnahme-Liegruppe E_8 erwähnt wird, hat natürlich meine besondere Sympathie verdient, aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich ihn mag. Anfangs hab’ ich kaum verstanden, warum ich ihn eigentlich so gern lese: Slapstick und Klischees jagten einander; von Patrice’ bulligem Handwerkerliebhaber, der natürlich auch gern mal zuschlägt, angefangen, über den Todesfall, der in seinem Ablauf aus jedem schlechten Krimi stammen könnte, bis zur Zugszene, die nicht umsonst später als Urban Legend entlarvt wird. Warum mag ich das bei McEwan, wo ich einen Roman von John Irving für solche Szenen am liebsten an die Wand werfen würde? Weil bei McEwan das Klischee nicht Teil der Geschichte ist, sondern Teil einer Romankonstruktion, die der Autor mit Selbstironie und Augenzwinkern einzusetzen weiß. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern entlarven den Anti-Helden Beard, sind Elemente einer bösen, englischen Satire, bei der linke Klimaschützer sich mit höchstem CO_2-Aufwand nach Spitzbergen begeben, um im nicht mehr ganz so ewigen Eis Tänze aufzuführen und Eispinguine zu schnitzen.
Neben dem Klimaschutz, werden der Wissenschaftsbetrieb und die Genderbewegung seziert.
Der ganze Roman unterliegt dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik: die Unordnung nimmt laufend zu!
Selten habe ich mich so gut amüsiert und dabei doch soviel zum Nachdenken gefunden.
Kerstin
Diogenes Verlag 2010, Übersetzung: Werner Schmitz, Hardcover 21,90 €, 405 Seiten, ISBN: 978-3257067651
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“Karte und Gebiet” von Michel Houellebecq
28.11.2011 von Krümel.
Jed Martin ist Sohn eines Architekten und einer Selbstmörderin, in guten Verhältnissen aufgewachsen, Absolvent der Ecoles des Beaux-Arts in Paris, und bereits als junger Künstler mit den Fotografien von Michelin-Straßenkarten, die er Satellitenbildern gegenüberstellt, sehr erfolgreich. Den großen Durchbruch feierte er allerdings mit seinen Gemälden, die Porträts von Menschen in ihrer Arbeitswelt zeigen. Bilder vom einfachen Handwerker oder Kellner bis zu Werken mit ebenso klingenden wie sperrigen Namen wie „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik” ,”Die Beate Uhse AG geht an die Börse” oder “Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf” gelangen zu Weltruhm und erreichen exorbitante Preise am Kunstmarkt.
Es gelingt ihm, den sehr kontrovers diskutierten und sehr bekannten, aber völlig zurückgezogen lebenden Schriftsteller Michel Houellebecq für die Verfassung eines Vorwortes für den Ausstellungskatalog zu gewinnen. Im Gegenzug soll der Schriftsteller, neben einer Gage von mehreren Hunderttausend Euro, ein Porträt – „Michel Houellebecq, Schriftsteller“ erhalten. Im Zuge der Zusammenarbeit entwickelt sich eine distanzierte Freundschaft zwischen den beiden, die durch einen bestialischen Zwischenfall ein jähes Ende findet.
Ich möchte vorausschicken, dass es mein erstes Buch von Michel Houellebecq war. Er ist mir natürlich bekannt als „enfant terrible“, als extravaganter, provozierender und in der Tat sehr kontrovers diskutierter Schriftsteller. „Karte und Gebiet“ ist ein sehr gesellschaftskritisches Buch, doch ich fand es weder provokant, noch sexbesessen oder aggressiv. In manchen Buchbesprechungen wurde dieses Buch als „gemäßigt“ oder sogar „weichgespült“ bezeichnet, wie gesagt fehlt mir der Vergleich. Als Einstieg in Houellebecqs Werk halt ich es für nicht sehr geeignet. Zu sehr wird auf die Person des Michel Houellebecq Bezug genommen, der ja in diesem Buch eine tragende Figur spielt und ich kann nicht abschätzen, wie sehr diese Darstellungsweise ironisch, selbstkritisch oder gar arrogant gemeint ist. Ich habe aber schwer das Gefühl, dass Houellebecq seinen Kritikern mit diesem Buch eins auswischen will, hier auf seine eigene Art und Weise Stellung nimmt zu Unterstellungen und Gerüchten rund um seine Person.
Houellebecq zeichnet eine Vision der nahen Zukunft – wir sehen uns etwa im Jahr 2030. Das Künstlermilieu ist Hauptschauplatz, die Vereinnahmung und Vermarktung der Künstler durch die Medien und durch Agenturen im Blickpunkt. Es fallen viele Namen französischer Künstler, Medienstars und Institutionen mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Insider können mit diesen Informationen wohl mehr anfangen. Mit teils wehmütigem, aber immer sehr kritischem Blick wird die Gesellschaft analysiert, der Verlust der Kultur aufgezeigt, der sich nicht nur im Sterben der Kaffeehäuser oder im Überhandnehmen von asiatischen oder russischen Restaurantketten manifestiert. Kinder werden durch Hunde ersetzt, Familienleben, zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften fallen der Schnelllebigkeit zum Opfer.
Houellebecqs glasklare Formulierkunst und prägnanter Stil konnten mich überzeugen, und ich möchte auf jeden Fall mehr von ihm lesen.
Christine
Dumont Buchverlag 2011, Übersetzung: Uli Wittmann, Hardcover 22,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3832196394
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“Turgenjews Schatten” von William Trevor
23.11.2011 von Krümel.
William Trevor erzählt von Marie Louise Dallon, die mit dem Textilhändler Elmer Quarry eine Vernunftehe eingeht, um dem kargen Leben auf dem Bauernhof zu entfliehen . Ihr lockt das Leben in der Stadt, und Elmer, der übrigens 14 Jahre älter ist als das Bauernmädchen, heiratet sie aus Berechnung. Ihm geht es darum, die Fortführung seines Textilunternehmens zu gewährleisten. Die Ehe steht unter einem schlechten Stern. Schon körperlich passen sie nicht zusammen. Sie, ein zierliches Bauermädchen, er, ein dickleibiger kleinwüchsiger Herr im Anzug. Sie leben in zwar in einem Hause, aber getrennt. Elmers Schwestern Rose und Matilde mögen sie nicht, und haben ihn vor der Ehe mit ihr gewarnt. Sie wirken eher wie Hexen, die nur böses in Mary Louise sehen, aber auch Letty, Mary Louises Schwester, ist enttäuscht über diese Verbindung.
Ein typisch irisches Extra, der Konflikt der Konfessionen, wird im Roman gelegentlich angedeutet:
Unter den Hochzeitsgeschenken zu Lettys Hochzeit befindet sich
>>ein gerahmtes Bild der Jungfrau Maria mit einer Herz-Jesu Darstellung. Letzteres kränkte Mrs. Dallon. Es stammte entweder von jemandem, der nichts von Lettys Glauben wußte, oder aber von jemandem, der das Bildnis in dem Hausstand, der gegründet wurde, für unverzichtbar hielt. Letty würde es nicht aufhängen, sie würde es bestrimmt beiseite legen.<<
In erster Linie erzählt Trevor von Mary Louises unerfüllter Liebe zu ihrem Cousin Robert. Schon in ihrer Schulzeit war sie in ihn verliebt gewesen. Als sie ihn Jahre später wieder trifft, stellt sich heraus, dass Robert ihre Zuneigung erwiedert. Er liest ihr auf einem Friedhof aus Turgenjew vor. Nach ein wenig Recherche bin ich darauf gekommen, das Robert ihr aus dem Roman „Vorabend“ vorgelesen hat. Bei Trevor heißt es über Turgenjews Roman:>>Jelena Nikolajewna liebte Insarow, ohne es zu wissen.<<
So war ja Mary Louises Liebe zu Robert einige Jahre verschüttet gewesen. Auch Roberts Schicksal ähnelt dem Schicksal Insarows.
William Trevors Prosa erzählt von Liebesschmerz, Tod, Einsamkeit und Wahn, und wie er es erzählt, erinnert an Prosa des neunzehnten Jahrhunderts. Sehr nachvollziehbar ist das Zitat des Hessischen Rundfunks auf dem Klappentext.>>Turgenjews Schatten wirkt, als hätte William Trevor die Geschichte einer Madame Bovary aktualisiert und dadurch für die Leser das Erzählen traditionellen Stils in unsere Zeit hinübergerettet.<<
Um nochmal auf Turgenjews Roman „Vorabend“ zurückzukommen: Auch Jelena war brünnet wie Mary Louise. Das Jelena „ ein schwieriges Wesen hatte“, wie Trevor erzählt, gilt auch für Mary Louise.
Den Roman empfehle ich gerne weiter, nur rätsele ich darüber, warum bloß hat Mary Louise den Textilhändler geheiratet. Wohl aus “kindlicher Unschuld”.mArtinus
Hoffmann und Campe Verlag 2011, Übersetzung: Thomas Gunkel, Hardcover 19,99 €, 283 Seiten, ISBN: 978-3455403428
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