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Archiv der Kategorie Krimi/Thriller

“Torso” von Wolfram Fleischhauer

In einem Abrisshaus im Osten von Berlin findet die Polizei einen grausig mit Tierteilen dekorierten zur Schau gestellten Frauentorso. Hauptkommissar Zollanger hat so etwas in seiner langjährigen Laufbahn als Kripo-Beamter, sowohl in der ehemaligen DDR als auch im vereinten Deutschland, noch nicht gesehen. Während er mitten in den Ermittlungen steckt, kämpft Elin Hilger darum, die Ermittlungen um den als Selbstmord abgetanen Tod ihres Bruders Eric, er war IT-Spezialist, wieder aufrollen zu lassen. Dazu braucht sie Zellangers Unterstützung, er war mit diesem Fall betraut. Gleichzeitig verschwindet die Bankierstochter Inga Zieten, deren Vater unter allen Umständen die Polizei aus den Ermittlungen heraushalten will.
Wolfram Fleischhauers Genre-Palette ist weit gefächert. Mit „Torso“ gab er sein Debüt als Thriller-Autor. Mit viel Thrill begann er auch die Handlung, die um das Jahr 2002 in Berlin angesiedelt ist. Die Beschreibung des makaber in Szene gesetzten Torsos ist sicher nichts für Zartbesaitete und Leser mit schwachen Nerven, sie ist ungeschönt, grauenhaft und dabei sehr gut vorstellbar. Dann baut er um die drei Handlungsstränge eine intelligent konstruierte, vielschichtige und gleichzeitig komplexe Geschichte auf. So werden Machenschaften in der Finanzwelt, Korruption, organisiertes Verbrechen, Stasivergangenheit thematisiert, ohne den Thriller damit zu überladen. Im Mittelpunkt von „Torso“ steht nicht wie üblich die Ermittlungsarbeit der Polizei, sie wird zwar nie aus dem Auge verloren, es geht aber um mehr, es geht um Moral, Ethik und Verantwortung. So ist auch die auf den ersten Blick recht skurril erscheinende Elin Hilger für diesen Roman in ihrer Andersartigkeit ein Glücksgriff. Weitgehende Konsumverweigerung steht konträr zu der Skrupellosigkeit und der maßlosen Gier der Banker. Auch an anderen Stellen kommt Fleischhauer in seinem Thriller – ungewohnt für dieses Genre, aber deshalb um so bemerkenswerter – ins Philosophieren. Die Charakterisierung der Personen fand ich sehr gelungen. Alle wirkten in ihrem Auftreten ehrlich, echt und glaubwürdig, wenn auch mitunter kauzig, sonderbar und bizarr. Ein wenig vermisst habe ich diesem Thriller den von mir so geschätzten ausgefeilten Sprachstil des Autors, das ist aber wohl eher dem Genre anzulasten als der Schreibkunst Wolfram Fleischhauers. Mich hat dieser Thriller, einschließlich des Nachwortes, sehr gut unterhalten. Lediglich das Ende fand ich etwas zu konstruiert und auch etwas zu schnell herbeigeführt. Nicht alle Fragen wurden direkt geklärt, aber da sei es der Fantasie des Lesers überlassen, die eigenen Schlüsse zu ziehen.

Über den Autor (Quelle amazon.de)
Wolfram Fleischhauer, geboren 1961 in Karlsruhe, ist einer der wenigen deutschen Autoren, denen es gelingt, Anspruch und Spannung für ein großes Publikum zu verbinden. Nach vier Romanen über die Künste (”Die Purpurlinie”, “Die Frau mit den Regenhänden”, “Drei Minuten mit der Wirklichkeit”, “Das Buch, in dem die Welt verschwand”), dem Familienroman “Die Inderin” und dem Universitätsroman “Der gestohlene Abend” ist “Torso” sein erster literarischer Thriller. Mehr Informationen zum Autor unter: http://www.wolfram-fleischhauer.de

Heike

Droemer Verlag 2011, Hardcover 19,99 €, 432 Seiten, ISBN: 978-3426198537

“Der Blütenstaubmörder” von Markus Ridder

Zwei Frauen werden ermordet. Zuerst trifft es die Künstlerin Lisa Huber und dann ist Helen Bachmann das nächste Opfer. Die Frauen werden entführt und nach einigen Tagen werden sie dann tot aufgefunden. Was mag dahinter stecken?

Die Polizei ermittelt fieberhaft, kommt aber nicht recht weiter. Hauptkommissar Heiko Plossila und sein Kollege Dollerschell tappen im Dunkel. Auch ihre neue Kollegin Jenny Biber kann nicht sehr viel zur Klärung des Falles beitragen. Noch neu im Geschäft wird sie eh von ihren beiden männlichen Kollegen nicht für voll genommen.

Wo ist die Verbindung zwischen den beiden Morden? Eine Gemeinsamkeit gibt es und die trägt den Namen Konrad Kister. Ein Krimischriftsteller der sich in aller Ruhe seinem nächsten Buch widmen möchte und sich dazu in der Pension zum „Alten Hasen“ einquartiert. Außerdem braucht er Abstand von seiner gescheiterten Beziehung zu Lisa Huber. Helen Bachmann lernt er als Teilnehmerin seines Kurses über „Kreatives Schreiben“ kennen. Die attraktive Frau ist sehr von Krister angetan und macht ihm klare Avancen.

Als Jenny Biber merkt, dass die Ermittlungen auf der Stelle treten meldet sie sich in Kristers Kurs an und schnell kommen sich die beiden näher. Doch dann verschwindet auch Jenny Biber. Niemand hatte sie etwas von ihren eigenmächtigen Ermittlungen erzählt und Plossila und Dollerschell sind in großer Sorge um die Kollegin. Wird sie das dritte Opfer des Blütenstaubmörders werden? Ist Krister etwa der gesuchte Blütenstaubmörder? Ein Mörder der seine Opfer immer mit einem ganz bestimmten Blütenstaub bestäubt.

Markus Ridder hat einen lesenswerten Krimi geschrieben, einen Krimi der sich hinter seinen deutschen „Buch-Kollegen“ nicht zu verstecken braucht. Zwar mag dem Leser das eine oder andere Klischee bekannt vorkommen, beispielsweise der Person des Hauptkommissars Plossila scheint man schon das eine oder andere Mal begegnet zu sein, geschieden und desillusioniert und immer mit einem leeren Kühlschrank, dazu eigenbrötlerisch und etwas depressiv. Aber das trübt das Lesevergnügen in keiner Weise. Die Handlung ist sehr ordentlich aufgebaut und das Buch liest sich sehr flüssig. Es ist doch immer wieder schön wenn man einen Autor trifft, der nicht wie betrunken durch die deutsche Sprache irrt. Markus Ridder kann ohne Frage schreiben und schafft es, seine Leser spannend zu unterhalten. Nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.

Der Schluss des Buches ist dem Autor wirklich ordentlich gelungen. Er wirkt nicht wie ein Fremdkörper in der Geschichte sondern passt sehr gut in den Handlungsablauf. Markus Ridder verzichtet hier lobenswerterweise auf irgendwelche peinlich konstruierten Szenen, die den Gesamteindruck trüben könnten. Handlungsablauf einschließlich des Schlusses der Geschichte passen gut zusammen und bilden eine erzählerische Einheit.

Bei der „beamtenrechtlichen“ Recherche hätte man vielleicht etwas sorgfältiger arbeiten können. Der Vater des Hauptkommissars Plossila ist aus Finnland nach Deutschland eingewandert und dann Polizeibeamter geworden. Leider war das damals unmöglich. Beamter konnte nur der werden, der Deutscher war und dessen Eltern ebenfalls die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Es gab Ausnahmen, aber die bezogen sich auf Wissenschaftler, die auch als Ausländer Beamte werden konnten, aufgrund herausragender Leistungen. Aber das ist natürlich jetzt nur eine marginale Anmerkung meinerseits.

Ein lesenswerter Krimi und man darf auf weitere Bücher mit dem hier ermittelnden Trio gespannt sein. Dieser Krimi von Markus Ridder ist im Mittelfeld der ersten deutschen Krimiliga anzusiedeln. Wer dieses Buch kauft, tätig keinen Fehlkauf – so viel kann garantiert werden.

Jan

Pendragon Verlag 2011, Taschenbuch 12, 95 €, 368 Seiten, ISBN: 978-3865322555

“Erebos” von Ursula Poznanski

Eigenartiges geschieht an einer Londoner Schule. Schüler kommen nicht mehr zum Unterricht, sie schwänzen das Basketball Training, sind ständig müde, Freundschaften drohen zu zerbrechen. Aber keiner spricht darüber. Hängt das mit der DVD zusammen, die unter der Hand weitergereicht wird? Nick Dunmore geht in die 9. Klasse und möchte unbedingt wissen was ES ist. Als Brynne ihm die DVD unter dem Mantel der Verschwiegenheit gibt, löst sich für ihn das Rätsel und endlich weiß er, es ist ein Spiel. EREBOS. Aber es hat strenge Regeln. Es darf mit keinem darüber gesprochen werden. Es muss allein gespielt werden. Man muss seine Aufgaben erfüllen, sonst ist man raus, endgültig, unwiderruflich. Schnell gerät Nick in den Sog des Spiels, er ist förmlich süchtig danach und schlägt alle Warnungen in den Wind. Aber Spiel und Realität vermischen sich immer mehr, bis Nick eines Tages erkennen muss, Erebos ist alles andere als ein harmloses Computerspiel.

Jugendbücher sind nicht unbedingt mein Lieblingsgenre. Als mir aber von verschiedenen Seiten Erebos empfohlen wurde, ging es mir allmählich wie Nick. Ich wollte es haben, wollte wissen, was es mit dem Buch auf sich hat, warum es meine Bekannten im gestandenen Erwachsenenalter so gefesselt hat. Ich war sehr skeptisch, denn Computerspiele interessieren mich überhaupt nicht. Aber dann war das Buch endlich da, zum Glück an einem Wochenende und ich begann zu lesen. Was dann mit mir geschah, ist der Kunstfertigkeit der Autorin zuzuschreiben. Für 24 Stunden tauchte ich in die Welt von Erebos ein. Ähnlich wie es Nick mit dem Spiel erging, erging es mir mit dem Buch. Schon nach kurzer Zeit war ich im Sog der Handlung, die recht ruhig beginnt, sich aber stetig steigert und ständig zwischen Spiel und Realität wechselt, um später in eine von mir unerwartete Richtung zu gehen. Bildlich sah die Spielebenen vor mir und wie Nick süchtig von Level zu Level hastete, las ich mich von Kapitel zu Kapitel. Für einen ganzen Tag erledigte ich nur die allernotwendigsten Arbeiten und war für meine Mitmenschen sicher eine Zumutung. Von der Spannung her kann dieses Jugendbuch problemlos mit den besten Thrillern mithalten. Die Charaktere der Protagonisten sind lebendig und nicht stereotyp, das Buch liest sich ungemein flüssig. Die Autorin hat es geschafft, mich in eine für mich unbekannte Welt zu locken, in der ich neben einem Computerspiel, das scheinbar mitdenken kann, auch noch Werwölfe, Vampire, Dunkelelfen und Trolle kennen lernte. Diese phantasievoll ausgestattete Welt hat mich gleichermaßen fasziniert und schockiert. Als besonderes Bonbon gibt es nicht nur durch den Titel kleine Fingerzeige hin zur griechischen Mythologie. Alles in allem legt Ursula Poznanski mit diesem Jugendbuch eine schlüssige, ausgezeichnet facettierte und vor allem authentisch wirkende Geschichte von ungeheurer Sogkraft vor, die ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, trotzdem pädagogisch wirkt und sicher auch den einen oder anderen Wenig-Leser begeistern kann.

„Erebos“ ist eine fantastisch erzählte und äußerst spannende Geschichte für junge und jung gebliebene Leser. Die Altersangabe 12-13 Jahre, kann man ganz getrost mit dem Vorsatz „ab“ versehen. Es hat mich lange kein Buch mehr in einen solche Leserausch versetzt wie dieses.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Ursula Poznanski wurde 1968 in Wien geboren. Sie ist als Journalistin für medizinische Zeitschriften tätig. Lebt mit ihrer Familie im Süden von Wien. Ihre Bücher zeichnen sich durch sprühenden Witz und Ideenreichtum aus.

Heike

Loewe Verlag 2010, Taschenbuch 14,90 €, 485 Seiten, ISBN: 978-3785569573

“Headhunter” von Jo Nesbø

Als Headhunter ist Roger Brown eine Berühmtheit. Seine Kunden vertrauen ihm blind. Seiner Frau finanziert er eine Galerie und sein extravaganter Lebensstil übersteigt seine Einkünfte bei weitem. Lebensart ist für ihn wichtig, er braucht sie, um seine recht geringe Körpergröße zu kompensieren. Geschickt nutzt er die Gespräche mit den Bewerbern, um in Erfahrung zu bringen, ob diese Kunstgegenstände besitzen. Dieses Wissen nutzt er dann für sein „Hobby“ – Kunstraub. Nur durch diesen Nebenverdienst schafft er es, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Als er einem Rubensgemälde auf der Spur ist, laufen die Dinge allerdings nicht so wie geplant.
Jo Nesbø ist für mich ein Synonym für spannende Unterhaltung mit dem Kommissar Harry Hole. In diesem Thriller steht der Täter im Mittelpunkt des Geschehens. Der Leser begleitet den Ich-Erzähler Roger Brown und hat somit einen ganz anderen als den von Nesbø sonst verwendeten Zugang zu dem Geschehen. Da dieser Thriller sich so von den bisherigen des Autors unterscheidet, verbietet sich ein Vergleich mit den Harry-Hole-Fällen von allein. Aber nichts desto trotz ist auch Headhunter ein spannender und rasanter Thriller, den man gern und schnell liest. Unverhoffte Wendungen, ausdrucksvolle Charaktere und versteckte Hinweise auf das wirkliche Geschehen machen den Unterhaltungswert dieses Thrillers aus. Allerdings wirkt die Handlung stellenweise ein wenig unglaubwürdig. Die Headhunter-Szene bildet einen interessanten Hintergrund für diesen Kriminalfall. Die Auflösung des Falles lies mich zwar schmunzeln, irgendwie hatte Nesbø es doch geschafft mich auf die Seite von Brown zu ziehen, trotzdem fand ich sie fast etwas einfallslos.
Mein Fazit: „Headhunter“ ist ein gut zu lesender, aber kein überragender Thriller, der den Leser schnell in den Bann zieht. Mir hat er, bis auf das Ende, recht gut gefallen. Wer spannende Unterhaltung sucht, ist bei diesem Nesbø sicher nicht gänzlich falsch.

Über den Autor
Jo Nesbø, geb. 1960, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er ist der erfolgreichste Autor Norwegens, in 17 Ländern mit seinen Büchern vertreten, darunter die USA und England.

Heike

Ullstein Verlag 2010, Übersetzung: Günther Frauenlob, Broschiert 14,95 €, 301 Seiten, ISBN: 978-3548280455

“Goldfasan” von Jan Zweyer

2. Teil der Reihe um den Kriminalkommissar Peter Goldstein/Golsten

1943 im Ruhrgebiet. Der Kriminalkommissar Peter Goldstein, bekannt aus dem Krimi „Franzosenliebchen“ hat in Anbetracht der Zeiten seinen Nachnamen in Golsten geändert und ist inzwischen Mitglied der NSDAP und der SS. Das alles natürlich nur, weil er Karriere machen will, Kriminalrat zu werden, ist sein ehrgeiziges Ziel.

Der stellvertretende Kreisleiter Walter Munder, aufgrund der Farbe seiner Uniform der Goldfasan genannt, meldet das Verschwinden seiner polnischen Fremdarbeiterin mit zwei Tagen Verspätung. Golsten übernimmt den Fall und stößt bei seinen Ermittlungen schon bald auf Ungereimtheiten und Widersprüche. Die Vermisstensache Maria Slowacki ist alles andere als ein Routinefall.

War mir der Kommissar Peter Goldstein in „Franzosenliebchen“ recht sympathisch, so hegte ich für Peter Golsten deutlich weniger Sympathien. Hat er sich doch zu einem ausgemachten Opportunisten gemausert, der für die Karriere auch bereit ist, Überzeugungen aufzugeben. Mit dieser Figur hat der Autor einen recht häufig in der damaligen Zeit vorkommenden Zeitgenossen in Szene gesetzt. In seiner Familie stößt Peter Golsten mit seinem Handeln nicht auf Gegenliebe, denn sein Schwiegervater ist aktiv im Widerstand tätig, er versteckt einen Juden. Sehr gut hat der Autor gezeigt, wie die Nazibonzen sich gegenseitig aus der Patsche helfen, eine Hand wäscht schließlich die andere und so hat es der eifrige Ermittler, für die Nazigrößen ist er schon zu dienstbeflissen, schwer. Aber er hat auch beschrieben, was geschieht, wenn Parteigenossen unbequem werden.

Auch „Goldfasan“ ist ein sehr gut recherchierter Kriminalroman, der sich leicht und flüssig liest. Die Kriminalhandlung ist wie auch im Vorgängerroman unaufdringlich in die Schilderung der Zeit und des Lebens im Nationalsozialismus in Herne eingebettet. Besonders haben mir die Charaktere gefallen, die Jan Zweyer regelrecht mit Leben erfüllt. Sie haben in meiner Fantasie alle ein Gesicht und ein menschliches Wesen bekommen. Aber Zweyer wertet oder moralisiert nicht. Und so bekommt man als Leser den Eindruck, an einer realen Geschichte teilhaben zu dürfen. Sein Kriminalroman ist einer der ruhigeren Art, ohne wilde Verfolgungsjagden und großes Blutvergießen.

„Goldfasan“ ist die gelungene Fortsetzung der Peter-Golstein-Reihe. Ich freue mich schon auf den hoffentlich bald erscheinenden dritten Teil.

Über den Autor
Jan Zweyer, geboren 1953 in Frankfurt am Main, lebt schon seit vielen Jahren in Herne. Sein halbes Leben war er in unterschiedlichen Funktionen bei verschiedenen Industrieunternehmen beschäftigt, heute ist Zweyer freier Schriftsteller. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen und -kurzgeschichten erschien 2007 das erste Buch der geplanten Trilogie um Peter Goldstein, das zur Zeit der Weimarer Republik spielt: Franzosenliebchen. Mit Goldfasan erscheint nun der zweite Band, der sich mit der Nazizeit auseinandersetzt.

Heike

Grafit Verlag 2009, broschiert 11 €, 352 Seiten, ISBN: 978-3894256111

“Franzosenliebchen” von Jan Zweyer (Teil 1)

1923 im Ruhrgebiet. Noch nicht einmal zwei Wochen ist es her als das Ruhrgebiet von französischen Truppen besetzt wurde. Agnes Treppmann hatte ein Anstellung als Dienstmädchen. Erst sehr spät kann sie ihre Arbeitsstelle verlassen. Zu Hause kommt sie nie an. Als man ihre Leiche entdeckt, liegt daneben ein Koppel einer französischen Uniform. Für die deutsche Polizei ist der Fall schnell klar. Aber die Besatzer übernehmen den Fall, umgehend kommt es zum Gerichtsverfahren, in dem die beiden verdächtigen französischen Soldaten freigesprochen werden. In der Berliner Polizeizentrale schenkt man den Untersuchungen kein Vertrauen und schickt den Kriminalkommissar Peter Goldstein ins Ruhrgebiet. Er ist für diesen Auftrag aufgrund seiner Zweisprachigkeit prädestiniert und soll dort verdeckt ermitteln. Das ist ein nicht ungefährlicher Auftrag. Denn nicht nur von Seiten der Besatzer gehen für ihn Gefahren aus.

„Franzosenliebchen“ ist ein Kriminalroman, dessen Handlung in einer Zeit angesiedelt ist, über die man nicht so häufig liest. Dem Roman ist deutlich anzumerken, wie intensiv sich der Autor mit dieser noch relativ jungen Geschichte auseinandergesetzt hat. Überzeugend weiß er vom Widerstand der Bergleute zu berichten, ebenso von der Behandlung der Frauen, die den Besatzern zu freundlich gesinnt waren. So schafft er es, ein authentisch wirkenden Bild der Bergarbeiterkolonie Teutoburgia zu zeichnen. Seine Charaktere sind Menschen, die mit ihren Moral- und Wertvorstellungen wunderbar in das damalige Zeitbild passen. So tritt die kriminalistische Handlung zeitweise zu Gunsten der historischen Handlung in den Hintergrund. Das ist der Geschichte aber keinesfalls abträglich. Der Roman wirkt authentisch und der Spannungsbogen ist fast durchgehend erhalten. Die kleinen Längen innerhalb des Kriminalfalles werden aber durch die Realitätsnähe der Handlung voll kompensiert.

„Franzosenliebchen“ ist der 1. Teil einer auf 3 Teile angelegten Serie um den Kriminalkommissar Peter Goldstein.

Jan Zweyer, geb. 1953 in Frankfurt am Main, lebt schon seit vielen Jahre in Herne. Sein halbes Leben war er in unterschiedlichen Funktionen bei verschiedenen Industrieunternehmen beschäftigt, heute ist er freier Schriftsteller. Nach zahlreichen zeitgenössischen Kriminalromanen erschien 2007 das erste Buch der geplanten Trilogie um Peter Goldstein, das zur Zeit der Weimarer Republik spielt: Franzosenliebchen. Mit Goldfasan erscheint nun der zweite Band, der sich mit der NS-Zeit auseinandersetzt.

Grafit Verlag 2007, Broschiert 11 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3894256050

“Katzengold: Serrano ermittelt” von Christine Anlauff

In Potsdam begegnet Komissar Liebermann, als er auf seine Tochter aufpasst, der Journalistin Charlotte Oblinghaus und verliebt sich direkt in sie.
Als er ihr jedoch das nächste Mal begegnet, verläuft dieses Wiedersehen anders als erhofft: die Journalistin lächelt ihn von einer Vermisstenanzeige an…
Zur gleichen Zeit wird Kater Serrano wahnsinnig: seine Aurelia ist verschwunden. Und nicht nur sie, sondern auch andere Katzen verschwinden plötzlich im Viertel…ein Katzenfänger scheint unterwegs zu sein und Serrrano will diesen das Handwerk legen.
Und so geschieht es, dass gleich zwei außergewöhnliche Ermittler Potsdam unsicher machen…

Katzengold ist der Auftakt zu einer Serie rund um das außergewöhnliche Ermittlerpaar Serrano und Liebermann.
Die beiden werden wohl nie enge Freunde, dafür begegnen sie sich mit zu viel Misstrauen, aber sie bringen sich gegenseitig auf die richtigen Fährten…

Die Autorin entführt den Leser in ein Potsdamer Viertel, dass sowas wie eine eigene kleine Welt ist, die den Einflüssen von außen strotzt.
Und in genau diese abgeschottete Welt gerät Komissar Liebermann, der beim Vermisstendezernat arbeitet.
Als ein Verbrechen in genau dieser Welt stattfindet, wühlt er sich durch die Fährten und Spuren und versucht aus allem einen großen Zusammenhang werden zu lassen.
Das Verbrechen selbst ist wirklich spannend und bleibt es auch bis zum Schluß. Zwar gibt es jede Menge hinweise, aber ich wette, dass nur sehr wenige Leser auf die Lösung des Falles kommen. Die Autorin versteht es sehr gut, den Leser mit Hinweisen zu füttern, ohne ihm zu viel zu verraten.

Besonderes Highlight sind die Katzen, allen voran Serrano.
Die Autorin schafft es, sich in die Katzen hineinzuversetzen und diese absolut sympathisch und authentisch wirken zu lassen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Katzen wirklich so denken, wie Serrano.
Schade ist nur, dass die Katzen vor allem zum Schluss hin immer mehr ihre Rolle verlieren und dann letzten Endes sogar ganz aus der Geschichte verschwinden. Dies rechne ich aber dem Umstand an, dass sie nachträglich in der Geschichte ihren Platz bekamen.
Im zweiten Teil, den die Autorin grade schreibt, wird dies wohl anders aussehen.

Katzengold ist ein spannender, charmanter Roman, der dazu zum Lesen und miträtseln einlädt. Eine absolute Empfehlung!

Rebecca

Gustav Kiepenheuer Verlag 2010, Hardcover 14,95€, 408 Seiten, ISBN: 978-3378006973

“Das alte Kind” von Zoe Beck

Carla wird in einem Krankenhaus für wenige Tage von ihrem Kind getrennt. Doch nach diesen Tagen wird dann nichts mehr so sein wie es war. Als sie dann wieder ihr Kind zu sich nehmen kann ist Carla nur noch fassungslos. Das Kind welches sie im Arm hält ist nicht ihr Kind. Aber niemand glaubt Carla. Niemand.
Dann ist da auch noch Fiona, ein junge etwas chaotische Frau die mit einer Freundin in einer Wohngemeinschaft lebt. Eines Tages wacht Fiona in der Badewanne auf. Wie so dort hingekommen ist weiß sie nicht. Das Badewasser hat zudem eine rötliche Farbe und ist mit Blütenblättern übersät. Fiona erkennt voller Entsetzen, dass sich das Wasser von ihrem Blut rot färbt. Sie erreicht gerade noch das Telefon und kann Hilfe holen. Niemand glaubt ihr, als sie sagt, dass jemand sie töten wollte.

Zoe Beck hat es geschafft einen wirklich spannenden Thriller zu schreiben. Ein Buch, welches den Leser wirklich glänzend unterhält. Man ist sofort mittendrin in dieser Geschichte, die auf zwei Zeitebenen spielt. Irgendwie scheint alles miteinander verbunden zu sein – aber wie? Zoe Beck spielt mit großem Geschick auf der Spannungstastatur, sie sorgt dafür, dass die Leserinnen und Leser es kaum schaffen dieses Buch aus der Hand zu legen. Dieses Buch gehört ohne Frage in die erste Liga der Thriller-Literatur. Geschickt wird ein Spannungsbogen aufgebaut der auch im Laufe der Geschichte nicht in sich zusammenfällt oder auch nur schwächer wird. Die handelnden Personen wirken real, die ganze Story wirkt authentisch. Fitzek hat völlig Recht wenn er über dieses Buch sagt, es sei „spannend, emotional und atmosphärisch dicht“.

Hervorzuheben ist, dass Zoe Beck ihren eigenen Stil sucht und auch gefunden hat, dass sie sich nicht damit aufhält irgendjemand zu imitieren. So liest man eine neue Geschichte und nicht den hundertsten Abklatsch von irgendwas.

Sehr lesenswert – vielleicht auch für diejenigen die sonst nicht so im Thriller-Genre umherwandern.

Jan

Bastei Lübbe Verlag 2010, Taschenbuch 7,99 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3404164431

“Kaltschäuzig” von J. F. Englert

Randolph ist ein Labrador und ein ziemlich cleverer noch dazu.
Er lebt mit seinem Herrchen Harry zusammen und beide müssen einen tiefen Schicksalsschlag verwinden: das Verschwinden von Imogen, Randolphs Frauchen und Harrys großer Liebe.
Als bei einer Leiche Fotos von Imogen gefunden werden und diese unter Mordverdacht gerät, gerät auch das Leben der beiden aus den Fugen…

Als ich das Buch in den Händen hielt, war mein erster Gedanke und Wunsch, dass dies bitte kein billiger Abklatsch von „Glennkill“ wird, dass vor einiger Zeit für richtig Furore sorgte.
Meine Angst hat sich nicht bestätigt. Dem Autor ist es gelungen mit Labrador Randolph einen netten, liebenswerten Schnüffler zu erschaffen.

Und es scheint leider so, dass sich Englert genau auf diesen verlässt, statt auf seinen Plot: Randolph erklärt dem Leser ganz genau, wie das Leben eines Hundes aussieht und was wir Menschen alles nicht an Hunden bemerken und zu schätzen wissen.
Immer wieder schmeißt der literaturbegeisterte Hund mit Zitaten aus literarischen Werken um sich und wirkt so nicht selten altklug. Vor allem, weil die Zitate zwar immer etwas mit dem Kontext zu tun haben, aber dennoch nicht in die Geschichte passen.

Es wirkt fast so, dass der Autor seiner eigenen Geschichte nicht traut und den Hund vorschickt, um dies zu kaschieren.

Dabei müsste er das gar nicht.
Leider kommt die Geschichte erst nach ca. 130 Seiten in Fahrt, was in Anbetracht der Lage, dass das Buch gerade mal 285 Seiten hat, ziemlich spät ist.
Doch der Autor beweist, als er sich ein wenig von Randolph löst, dass er durchaus in der Lage ist, eine spannende und logische Geschichte zu erzählen. So habe ich das Buch dann gespannt gelesen, weil ich wissen wollte, wer denn nun für alles verantwortlich ist.
Jedoch ist die Geschichte nach dem längeren Vorlauf auch schnell wieder vorbei.
Dabei verpasst der Autor es aber nicht, den Grundstein für ein drittes Abenteuer zu legen.

Kaltschnäuzig ist ein durchaus netter Roman, der einem für ein paar Stunden gut unterhalten kann. Das Buch ist guter Durchschnitt, leider nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Rebecca

Goldmann Verlag 2010, Übersetzung: Tina Hohl, Taschenbuch 7,95 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3442470235

“Eine ganz andere Geschichte” von Håkan Nesser

Die Bretagne im Sommer 2002: Sechs Touristen, 2 Pärchen und 2 Singles, lernen zufällig einander kennen und verbringen ein paar unbeschwerte Urlaubstage. Nach diesem Urlaub trennen sich die Wege, es bleiben ein paar Urlaubsfotos sowie Tagebuchaufzeichnungen.

Sechs Jahre später werden nach und nach fünf der Beteiligten ermordet, jeweils unter brieflicher Ankündigung der Tat direkt an Inspektor Barbarotti. Der Fall erregt große Aufmerksamkeit im schwedischen Kymlinge, ist die Polizei trotz der Ankündigungen machtlos und kann die Taten nicht verhindern. Die Ermittler tappen lange im Dunkeln, während der Leser – durch die eingeschobenen Tagebuchaufzeichnungen, die von den Eskapaden der Urlaubstage genauso berichten wie von einem – nein, eigentlich zwei – tödlichen Zwischenfällen , immer einen Sprung voraus ist; ein Stilmittel, das einen ungeheuren Spannungsbogen erzeugt, der den Leser mit Leichtigkeit über die knapp 600 Seiten trägt. Dass es sich aber – wie der Titel schon anmutet – um eine „ganz andere Geschichte“ handelt, wird erst in den überraschenden letzten Kapiteln bewusst. Dass einige Fragen offen bleiben, scheint eine Eigenart Nessers zu sein, stört aber nicht weiters.

Inspektor Barbarotti hebt sich sehr angenehm von den „üblichen“ Kommissaren ab. Er ist nicht hauptsächlich mit der Lösung des Falles beauftragt, sondern ist einer der Ermittler, arbeitet im Hintergrund. Nebenbei hat er beide Hände voll zu tun, sein Privatleben auf die Reihe zu kriegen. Er ist geschieden, hat 3 Kinder. Seine jüngste Tochter ist eben flügge geworden und nach London gezogen, wo sie nicht unbedingt das Leben führt, dass sich der Vater vorstellt. Er selber hat sich mit Marianne angefreundet und beabsichtigt, sie zu heiraten, ein Umzug wird ins Auge gefasst. Der Leser nimmt Teil am Leben des sympathischen Barbarotti, schmunzelt über seine Gespräche mit Gott, mit dem er noch eine Rechnung offen hat, und folgt begeistert seinen philosophischen Gedanken.

Nach „Mensch ohne Hund“ ist „Eine ganz andere Geschichte“ der zweite Fall des Inspektor Barbarotti, im August 2009 erschien mit „Das zweite Leben des Herrn Rossi“ bereits sein dritter Fall.

Christine

btb Verlag 2008, Übersetzung: Christel Hildebrandt, Hardcover 19,95 €, 608 Seiten, ISBN: 978-3442751747